Urfassung

Von Thomas Prochazka

Dramolett in einem Aufzug.

Ein Tisch im Café Tirolerhof am Vortag der Première von »Fidelio Urfassung (Leonore)« mit Blick auf die Albertina und die Rückseite der Wiener Staatsoper. Der klassik-begeisterte Freizeit-Journalist wartet bereits. Amélie Niermeyer kommt 30 Minuten zu spät, läßt sich ihm gegenüber auf die Bank fallen und schlüpft aus einem schwarzen Wollmantel mit umgelegtem kleinen, weißen Pelzkragen.

Amélie Niermeyer (ohne Begrüßung, zum Ober):
Einen Kaffee und ein süßes Teilchen! (Zum klassik-begeisterten Freizeit-Journalist.) Also, schießen Sie los, was wollen Sie wissen?
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist (ebenso überrascht wie der ignorierte Ober, stotternd):
Ja … also… Warum haben Sie sich eigentlich für die Urfassung des »Fidelio« entschieden? Was interessierte Sie an diesem Werk? Vielmehr — an dieser Fassung?
Amélie Niermeyer (gleichgültig):
Gar nichts. Direktor Meyer fragte mich auf der Premièren-Feier der »Elisabetta« im Theater an der Wien. Die muß ihm wohl gefallen haben. Ich unterrichte ja erfolgreich Regie am Mozarteum, wie sie sicher wissen. Vielleicht wollte er zur Abwechslung einmal einen Profi engagieren? Nichts gegen die Alexandra, bitte, aber angelernt bleibt angelernt, auch wenn’s der eigene Mann ist. Das reicht für’s Landestheater, aber…
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist:
Äh, ja… Ihre »Elisabetta, Regina d’Inghilterra«, spielte ja auch in unserer Zeit —
Amélie Niermeyer (unterbricht):
Ja, und ich hatte da hervorragende Schauspieler zur Verfügung! Allen voran Marlies Petersen —
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist:
Schauspieler? Sänger, wollten Sie sagen…
Amélie Niermeyer:
Sänger? Ach, deshalb gab es wohl ein Orchester! Ich hab’ mich die ganze Zeit gewundert, warum mich der eine Herr im Zuschauerraum immer wieder unterbrach und meinte, ich müsse auf die Kopfstände verzichten. Soetwas aber auch!
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist:
Äh, ja… Und wie haben Sie sich nun dieser Aufgabe angenähert?
Amélie Niermeyer:
Von der Maschek-Seit’n, wie man so sagt in Wien. (Lacht gezwungen.) Ich habe mir, gleich nachdem ich zugesagt hatte, das Textbuch gekauft. Ich fand, ich sollte das Werk doch kennen, bevor ich mit Alexander Müller-Elmau das Bühnenbild bespreche und wir das Konzeptionsgespräch vorbereiten…
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist:
Sie kannten »Fidelio« nicht?
Amélie Niermeyer:
Guter Mann, ich stamme zwar aus Bonn, aber Beethoven ging ja relativ bald nach Wien. Wir sind einander nie begegnet. Und außerdem: Es gibt ja so viele Werke! Wie soll ich die alle kennen? Wenn es darum ginge, etwas zu kennen, bevor man es rezensiert, könnten Sie nie von Uraufführungen berichten! (Schüttelt energisch den Kopf.) Nein, nein, der Fachmann steht über solchen Dingen! Aber ich gebe zu, dazu bedarf es einer gewissen Genialität. Die ist halt nicht jedem gegeben… (Unterbricht sich.) Wissen Sie, kennen oder nicht kennen: Im Grunde genommen ist das alles eins. Es geht in jedem Werk um die gesellschaftspolitische Aussage der starken Frau, die sich gegenüber der Männergesellschaft behauptet. Im »Fidelio« ist das die Leonore. Für mich war ganz klar, daß ich, um dieser Idee Nachdruck zu verleihen, zwei Leonoren brauchte. Leider war es nicht möglich, dafür Schauspielerinnen zu engagieren. Als ich das vorschlug, verließ Direktor Meyer der Mut. Also einigten wir uns auf eine Sängerin und eine Schauspielerin. Was bei Jennifer Davis’ besonderer Qualität etwa auf dasselbe hinausläuft.
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist:
Ja, aber laut Libretto…
Amélie Niermeyer:
Libretto, Libretto…! Wenn ich das schon höre! Was interessiert mich als Regisseurin das Libretto? Wir müssen die Werke neu denken, aktualisieren. Joseph von Sonnleithners Text lockt ja keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Nein, nein, für mich war klar, daß es einen neuen Text braucht. Sven-Eric macht das auch immer. Nicht zuletzt der Tantiemen wegen. Der Schlaufuchs! (Lacht.) Da dachte ich mir: So gut wie der Sven-Eric in Salzburg den Hofmannsthal verbessert hat, kriegst Du das mit dem Beethoven auch hin.
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist:
Der neue Text stammt doch aber von Moritz Rinke…
Amélie Niermeyer:
Ja, das war eine lustige Geschichte! Irgendwie kam ich nicht und nicht dazu, mich um den neuen Text zu kümmern. Im Ende war mir’s auch, glaube ich, egal. Wichtig war ja nur, daß ich einen Vertrag hatte und Geld bekomme. Also rief ich Moritz an und fragte ihn, ob nicht er den Text schreiben wolle.
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist:
Herr Rinke sagte aber in einem Interview, Sie wären mit Ihrem Team nicht weitergekommen und hätten ihn um Hilfe gebeten…
Amélie Niermeyer (lächelt verlegen):
Ach, der Moritz! Ist er nicht reizend? Nein, nein, wir hätten das schon noch irgendwie hinbekommen. Ich hab’ mir halt gedacht, ich mach’ dem Moritzl eine Freud’ und laß ihm den Auftrag zukommen. (Kopfschüttelnd.) Nein, die Männer…
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist:
Herr Rinke sagte auch, er habe »Fidelio« vorher gar nicht gekannt. Er wollte als »Novize« an den Text herangehen…
Amélie Niermeyer:
Ja, ja, und weil diese Uralt-Inszenierung vom Schenk ja weiterhin am Spielplan steht, konnte man da vieles anders machen. Radikaler denken.
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist:
Aber ist das, was sie vorhaben, noch im Sinne des Werkes?
Amélie Niermeyer:
Warum nicht? Da sehen Sie mal, wie sehr dieses Schlagwort von der »Werktreue« überstrapaziert wird! Und wie genial der Moritz ist! Der hatte das im Nu zusammengeschrieben. Ich konnte mir sogar aussuchen, wo ich seinen Text unterbrechen und wieder einmal ein Musikstück einfügen wollte. Und er hat mir bis nach der Hauptprobe Änderungen gemacht. Sehr bequem, das, in Zeiten des Internets!
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist (erstaunt):
Heißt das, Sie wußten bis zum Schluß nicht, wie der Text lauten würde?
Amélie Niermeyer:
Nein. Warum auch? So ein bißchen Text neu lernen, das geht doch auf eins, zwei. Das verlange ich bei all meinen Produktionen. Heute ist Flexibilität gefragt!
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist:
Besteht da nicht die Gefahr, daß das Werk auseinanderfällt?
Amélie Niermeyer (mit großer Geste):
Ich bitte Sie! — Wir müssen lernen, daß Inszenierungen aktuell zu sein haben — und nicht auf zehn oder zwanzig Jahre ausgelegt. Fünfmal spielen, und weg damit! So wie der Geyer im Theater an der Wien. Ich meine, wen interessiert denn noch meine »Rusalka«? Die hatte ich ja schon über, bevor die Première stattfand!
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist:
Die Wiener Staatsoper ist doch aber ein Repertoire-Haus…
Amélie Niermeyer (ungehalten):
Repertoire! Wenn ich dieses Wort schon höre! Das ist doch nur eine bourgeoise Entschuldigung dafür, dem Publikum immer die gleichen ollen Kamellen vorzusetzen!
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist:
Ja, aber die Kosten für die Inszenierung und die Proben? Dabei handelt es sich doch immerhin um Steuergelder…
Amélie Niermeyer:
Ja und? Mein Gott! Sind Sie wirklich so ein Kleingeist? Der Kunst muß man Opfer bringen! Das tun Annelies und Yvonne und Gerrit ja auch. Denken Sie, für uns ist es lustig, wochenlang in Wien herumzusitzen? (Unterbricht sich.) Natürlich ist Marzelline bei Moritz und mir eine Frau, die durchaus merkt, daß sie sich nicht nur in einen anderen verliebt als ihren ewigen Jaquino, sondern daß der zudem eine Frau ist. So blöd ist Marzelline noch nicht mal in der Oper!
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist:
Verlieren dann nicht die Texte der Musikstücke ihren Sinn?
Amélie Niermeyer (achselzuckend):
Das ist doch uns egal. Unsere Leonore ist eine Frau, die die Dinge in die Hand nimmt. Politisch agiert. Sie geht in dieses Männersystem. Sie entwickelt sich und kämpft gegen ein ganzes System. Den Schluß der Oper erlebt sie nur als Vision, sie wird zuvor von Pizarro ermordet. Das wird eine tolle Überraschung für das Publikum, wenn die Leonore eben ein anderes Ende nimmt!
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist (verzweifelt):
Ja, aber…
Amélie Niermeyer:
Dafür zeigen wir ohnehin während der Ouverture als Rückblick einen kurzen Moment des Glücks zwischen Leonore und Florestan. Das ist erstens modern, und zweitens dauert die Ouverture ohnehin viel zu lang. Ich wollte sie ja auf ein Drittel kürzen, aber Tomáš Netopil war dagegen. Dirigenten sind immer so schrecklich unflexibel, finde ich. Die hängen so an der Musik… Schrecklich!
Klassik-begeisterter Freizeit-Journalist:
Und was passiert mit der Einheit der Oper? Wie wollen Sie die erhalten?
Amélie Niermeyer (lacht auf):
»Die Einheit der Oper«? Herzig! — Was geht uns die an? Wir sind ein Team starker Frauen, und wir schaffen uns unsere Leonore. Alles andere interessiert uns nicht. (Schlüpft in ihren Mantel.) Jetzt muß ich aber weiter: Moritz hat mir noch Textänderungen für die Röver und die Davis geschickt. Für morgen!

(Vorhang.)

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