» Siegfried «, 3. Aufzug: Nina Stemme (Brünnhilde) und Michael Weinius (Siegfried) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

» Siegfried «, 3. Aufzug: Nina Stemme (Brünnhilde) und Michael Weinius (Siegfried)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Richard Wagner:
» Der Ring des Nibelungen «

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Im zweiten Durchlauf: Siegfried. Davor Das Rheingold, im ersten Zyklus, und, sonntags, ein paar Takte Die Walküre, ehe von hinnen zu eilen war zwecks Bestaunung des gesamten symphonischen Œuvres des Jean Sibelius im Konzerthaus.

II.
Zum Siegfried: Wer kam, sah und hörte eine Vorstellung auf gutem Repertoire-Niveau. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Kritikerfreunde des Operndirektors besingen derartiges mitunter als sehr beachtlich und konstruieren daraus die Rechtfertigung der Wiederbestellung ihres Zentralgestirns. Doch sollte die Tatsache, daß ein Haus wie die Wiener Staatsoper den Ring des Nibelungen zyklisch aufzuführen imstande ist, nicht eine Selbstverständlichkeit sein? War es beim Vorgänger nicht jahrelang geübte Praxis, zumeist jedoch mit dirigentischem Personal aus einer anderen Liga? Und worin besteht der Unterschied, den Ring des Nibelungen binnen kurzer Frist szenisch zu bewältigen oder — wie beispielsweise die Bayerische Staatsoper — Die schweigsame Frau, Der Rosenkavalier, Capriccio, Die Frau ohne Schatten und Les Troyens innert zwei Wochen aufzuführen? Verwechseln da manche Kulturberichterstattung mit Kulturpolitik? (Darüber auf Einladung mehr zu gegebener Zeit.)

III.
Axel Kober mag vieles sein. Die Bezeichnung hoch inspirierter, das Orchester mitreißender Handwerker fiele mir allerdings nicht ein. Dafür hörte ich (nicht nur) im Siegfried zuviele verwischte Orchesterpassagen, zu oft nur (auch zeitlich) ungefähre Annäherungen an die dynamischen Vortragszeichen. Und, vor allem: keine Richtung. Wohin sollte sich diese, wohin jene Phrase entwickeln? Und warum?

Hineinhören in den — geben wir es zu, in grottenschlechter Qualität — mitgeschnittenen Wiener Ring-Zyklus des Christian Thielemann, Erinnern an die Aufführungen unter Adam Fischer, Peter Schneider oder Franz Welser-Möst machen die über geraume Strecken fehlende innere Spannung der Aufführungen im Haus am Ring unmittelbar erfahrbar. Man denke, beispielsweise, an die Rätselszene des ersten Aufzuges, das Vorspiel des dritten. (Oder, in der Walküre, die lähmend langen Minuten, bis das Werk’l endlich Fahrt aufnahm.)

IV.
» Interessant « auch die Besetzungen: Der Siegfried des Michael Weinius klang im ersten Aufzug stimmlich nur wenig anders als der Mime des Jörg Schneider: Die Stimmenkenner im Haus besetzten einen lyrischen Tenor mit einer Partie für einen Charakter-/Spieltenor. (Ähnliches widerfuhr Daniel Behle als Loge im Rheingold.) Doch niemand scheint sich daran zu stoßen. Kurios.

Einzig Schneiders sehr guter, für heutige Verhältnisse vielleicht sogar ausgezeichneter Gesangstechnik ist es zu verdanken, daß er weiterhin nicht nur hörbar, sondern — fast als einziger Sänger — auch verständlich blieb. Die hohe Tessitura der Partie sowie das von Wagner an einigen Stellen verlangte Singen im Falsett beraubten ihn seiner Stärke, der bruchlosen Querung des passaggio unter Beibehaltung dessen, was Wissende gemeinhin unter legato verstehen. — Die Partie des Mime im Rheingold liegt tiefer, da konnte Schneider mit vollem und runden Ton punkten. (Eine Lehrstunde, wie Wagner gesungen werden sollte.)

» Siegfried «, 1. Aufzug: Jörg Schneider als Mime © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

» Siegfried «, 1. Aufzug: Jörg Schneider als Mime

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
Michael Weinius erinnerte nur in Statur an Stephen Gould, für Jahre der Wiener » Siegfried vom Dienst «; nicht in puncto Stimmkraft. Weinius’ Stimme ist kleiner; empfindsamer. Auch er sang in den piano-Passagen (vor allem im ersten Aufzug) sehr wortdeutlich. Mit steigenden Anforderungen an die Lautstärke machte sich jedoch immer stärker stimmliche Unrast bemerkbar. Die Textverständlichkeit sank rasch. Auf eine laute Silbe folgte eine leisere, etc. Die Kunst des legato — man kann, nein, man sollte auch Wagner, wann immer möglich, auf Linie singen — hört sich anders an.

Immer wieder deckte der Mann am Pult Weinius zu. Unter einem einfühlsamen Dirigenten könnte Weinius ein (für heutige Verhältnisse) überraschend guter Siegfried sein. So jedoch stieß seine Stimme zu oft an ihre Grenzen, als daß ein diesen ungestümen Helden stimmlich überzeugendes Portrait gelingen konnte.

VI.
Der Dritte im Bunde des ersten Aufzuges war John Lundgren in der Partie des Wanderers, auch von den hinteren Parkettreihen unschwer als Wotan auszumachen (© Loriot). Der gebürtige Schwede bot damit von allen unseren bisherigen Zusammentreffen, gleichgültig ob live oder via Stream, die beste Leistung. Gut: Das änderte wenig daran, daß dieser Wanderer kaum verständlich sang (sodaß das Gedächtnis aushelfen mußte, in Verneinung des heute so beliebten » Opernlesens «) und daß Wortundeutlichkeit immer Ausdruck gesangstechnischer Mängel ist. Doch verscheuchte Lundgren den erbarmenswerten Eindruck vom Zustand seines Instruments im Rheingold zu Beginn des Monats. Eines Rheingolds übrigens, in welchem die ganze Götter-Sippe (Daniel Jenz als Froh, Erik Van Heynigen als Donner, Monika Bohinec als Fricka und Regina Hangler als stimmstärkste, doch durchwegs schrille Freia) trotz fortgesetztem Genuß Freias goldener Äpfel dem stimmlichen Untergang geweiht schien. (Fast schämte man sich, mit ihnen zu schaffen.)

VII.
Jochen Schmeckenbecher behauptete sich als Alberich, der, wäre die stimmliche Verfassung, nicht das Libretto Grundlage des Ausgangs gewesen, den Kampf um das Rheingold mit Leichtigkeit für sich entschieden hätte. Einzig in den forte-Passagen klang Schmeckenbechers Stimme — hie wie da — angestrengt, war der Ton nicht immer ebenmäßig. Alles in allem jedoch eine tadellose Leistung.

Noa Beinart sang eine gediegene Erda, hier und auch im Rheingold. Mein Wunsch nach größerer Wortdeutlichkeit, nach besserer Koordination der beiden Stimmfamilien wird, so steht zu fürchten, ungehört verhallen.

Dmitri Belosselskiy enttäuschte als Fafner — wiederum, schon im Rheingold und, schlimmer noch, als Hunding in der Walküre erstem Aufzug. Klein klang die Stimme dieses Wurms; wenig eindrucksvoll und wortundeutlich. Am meisten aber wohl der Hunding: mit gaumiger Stimme und kaum vorhandener Textverständlichkeit.

VIII.
Bleibt die — angekündigt letzte — Brünnhilde der Nina Stemme: Deren Stimme klingt dankbar für die erzwungene Ruhepause während der letzten zwei Jahre; mit besserem Fokus, angenehmerer Modulation und ohne die 2019 noch deutlich wahrnehmbare Schärfe in der hohen Lage.

Das ändert freilich nichts daran, daß — Feuilleton hin oder her — die Brünnhilde im Grunde jenseits dessen liegt, was diesem Instrument zuzumuten wäre. Auch Stemme sang wortundeutlich: nicht leugnbarer Hinweis auf eine jahrelange, vom » Markt « verlangte(?) bzw. diesem gewährte Überforderung bzw. Überanstrengung, minder wirksame energetische Aktivierung der unteren Stimmfamilie. Wer in diesem Zusammenhang von einer » unerreichbaren Brünnhilde « tönt, ertastet die musikalische Seite einer Aufführung mit dem Begleithund. Offenbart jedenfalls bedenkliche Wissenslücken betreffend Stimmen und die Vergangenheit. Merke: (Sängerische) Leistungen werden nicht irrelevant, nur weil sie in längst versunkenen Zeiten erbracht wurden.

» Die Walküre «, 1. Aufzug: Stuart Skelton (Siegmund) und Lise Davidsen bei ihrem Wiener Rollen-Debut als Sieglinde © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

» Die Walküre «, 1. Aufzug: Stuart Skelton (Siegmund) und Lise Davidsen bei ihrem Wiener Rollen-Debut als Sieglinde

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

IX.
Im Hinblick auf die Walküre (bzw. deren ersten Aufzug) bliebe anzufügen, daß sich Stuart Skelton trotz einer akuten stimmlichen Schwäche im Finale wacker behauptete; mit durchaus beeindruckenden, dabei fein dosierten Wälse-Rufen. Sonst allerdings brach auch diesem Siegmund zu oft die Linie, als einem lieb sein konnte; blieb manche Silbe ungehört (wiewohl nicht ungesungen), mußte fehlender Text aus eigener Erinnerung ergänzt werden.

Lise Davidsen sang in Wien zum ersten Mal das Zwillingsgeschwister. Die Stimme ihrer Sieglinde blühte vor allem in ihrer Heimstatt, der oberen Mittellage. Manches erinnerte da in Timbre und Klangfarbe an die junge Birgit Nilsson. Weniger beeindruckend gelangen die piano-Passagen: Da geriet die Stimme zu oft an die Grenze der Unhörbarkeit, als daß in den vielstimmigen Chor jener einzustimmen wäre, die meinen, hier erwüchse uns eine Brünnhilde. Eine Chrysotemis, eine Fidelio-Leonore, eine Senta scheinen eher vorstellbar — vorausgesetzt freilich, das stimmliche Ungleichgewicht einer zu wenig eingebundenen tiefen Lage wird behoben. Oder gilt uns heute wirklich schon jemand als » Welt-Star «, von dessen ersten Phrasen kaum ein Ton bis zum Parterre-Stehplatz vordringt, dessen Stimme bei piano-Abstiegen in die tiefe Lage mehr als einmal von den Orchesterwogen geflutet wird?

X.
Daß die Wiener Staatsoper zwei Zyklen des Ring des Nibelungen gibt: für ein Haus, das den Anspruch stellt, international zu den ersten gehören zu wollen, wohl eine Selbst­ver­ständlichkeit. Die Tatsache, daß nach zwei Jahren Pause zum Füllen der Ränge für diese Vorstellungen die Ausgabe von Regie-Karten notwendig war, stimmt bedenklich. (Dies umso mehr, als gleichzeitig eine Serie von Schwanensee-Vorstellungen mit dem » Ausverkauft «-Schild prangte.) Offenbar waren Teile des potentiellen Publikums von den angebotenen Interpreten nicht überzeugt.

Was bleibt, ist die Erinnerung an gediegenes Repertoire. Nicht weniger; — aber auch nicht mehr.

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