Feuilleton

Conrad L. Osborne:
»Opera as Opera. The State of the Art«

Von Thomas Prochazka
Das Auditorium des New York City Centers, Heimat der New York City Opera von 1944 – 1964 CC-BY-2.0 &middot; <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NYC_Center_2320176336_317f2733e8.jpg">Wikimedia Commons</a> (Flickr-User llahbocaj)

Das Auditorium des New York City Centers, Heimat der New York City Opera von 1944 – 1964

CC-BY-2.0 · Wikimedia Commons (Flickr-User llahbocaj)

In seinem am 16. Juli erschienenen Buch »Opera as Opera. The State of the Art« behandelt Conrad L. Osborne den aktuellen Zustand der Kunstform. Der 84-jährige U.S.-Amerikaner tut dies mit jener Unaufgeregtheit, welche auf jahrzehntelanger Beschäftigung mit dem Gegenstand fußt.

An klaren Worten fehlt es trotzdem nicht, wenn Osborne beispielsweise betreffend die aktuelle Aufführungspraxis feststellt: »Ich komme gezwungenermaßen zum Schluß, daß eine untadelige Nicht-Aufführung das Ereignis der Wahl ist. Die Leute (zumindest die Stilprägenden und Trendsetter unter ihnen) lieben sie. Ich bin verblüfft.«

Ich komme gezwungenermaßen zum Schluß, daß eine untadelige Nicht-Aufführung das Ereignis der Wahl ist. Die Leute (zumindest die Stilprägenden und Trend­setter unter ihnen) lieben sie. Ich bin verblüfft.

Conrad L. Osborne: »Opera as Opera« (S. 282)

1934 in Lincoln, Nebraska, geboren, gehört Conrad L. Osborne einer Generation an, welche unter dem Begriff »Opernfreund« (»devotee«) eine über die Konsumation von Vorstellungen hinausgehende Beschäftigung mit dem Gegenstand versteht. Ältere Opernfreunde werden sich an Osborne als jahrzentelang tätigen Rezensenten von Aufnahmen und Aufführungen der New Yorker Opernhäuser in den Magazinen Opera News, High Fidelity und, ab 1965, im Journal Musical America erinnern. Für die Leser der Financial Times London berichtete er von 1962 bis 1969 regelmäßig von Aufführungen an der Metropolitan Opera. 1983 erfolgte der Wechsel zum (damals) neuen Magazin Opus. Nebenbei schrieb Osborne für Keynote, das Programm-Magazin des (ehemaligen) New Yorker Klassiksenders WNCN. In den 90-er Jahren gesellten sich Artikel für die Sunday New York Times hinzu, während er (quasi nebenbei) immer wieder Artikel für sein Forum Opera News verfaßte. Darüberhinaus arbeitet Osborne, Stimmfach Bariton, seit mehr als 45 Jahren als Gesangslehrer in New York.

»Opera as Opera« ist das Ergebnis einer 18 Jahre währenden Niederschrift der 46-jährigen Beobachtung und Analyse der Kunstform in all ihrer Vielfalt. Ausgehend von 14 kurzen Essays über den Begriff »Oper« nähert sich Osborne dem Thema in Iterationen. Folgerichtig befaßt er sich mit den Bereichen »Produktion (Regie und Ausstattung)« und »Intellektueller Hinter­grund«, ehe er die stimmtechnischen Aspekte der Aufführungen als Hauptstück behandelt. Osborne zitiert aus Alfred Rollers 1909 erschienem Beitrag »Bühnenreform?« wie Alexander J. Ellis’ Artikel »On the measurement and settlement of musical Pitch« im Journal of the Society of Arts, London, vom 25. Mai 1877, in welchem dieser über die Stimmung an den drei großen Pariser Opernhäuser im Jahr 1826 berichtet (Opéra: 445 Hz, Théâtre-Italien: 449 Hz und Opéra Comique: 452 Hz). Der Autor geht mit dem neuen Publikum (»New Audience Member«), welches an einer intensiven Beschäftigung mit der Kunstform nicht mehr interessiert ist, ebenso ins Gericht wie mit den Regisseuren, welche sich — nach Osbornes Meinung fälschlicherweise — zu Autoren aufschwingen und die ihnen anvertrauten Meisterwerke in unzulässiger Weise verändern.

Osbornes Ausführungen enthalten historische und philosophische Aspekte ebenso wie phy­siologische oder gesangstechnische. Wo Jürgen Kesting in seinem Werk »Die großen Sänger« vor dem Leser vornehmlich die vita der Luisa Tetrazzini ausbreitet, stellt Osborne detaillierte stimmtechnische Vergleiche zu einer Joan Sutherland an. Seine Operngeschichte beginnt nicht mit den 1950-er Jahren, sondern in jenen vor den ersten verfügbaren Tondokumenten, nennt — unter anderem — eine Johanna Gadski, eine Frieda Leider ebenso wie eine Celestina Bonisegna.

Der Autor bietet Vergleiche mit den großen Sängern vor den 1950-er und 1960-er Jahren. Man erinnert sich: Das waren jene Jahre, in welchen sich an der Metropolitan Opera Größen wie Maria Callas, Renata Tebaldi, Giuseppe di Stefano, Franco Corelli oder die großen ame­ri­kanischen Baritone wie Robert Merrill und Leonard Warren (ohne jeden Anspruch auf Voll­ständigkeit) die Klinke in die Hand gaben… Jedes Kapitel ist gespickt mit unzähligen Fußnoten, welche wie die im Text zitierten Vergleiche zur weiteren Beschäftigung mit dem Gegenstand einladen.

Der Gesang, welcher als einziges die Aufmerksamkeit der Ohren vor der Gefan­gennahme durch die Augen zu retten vermag, verfehlt das Ziel, die Ohren von der orchestralen Nicht-Aufführung auf die Leidenschaften des Dramas zu lenken. Die neuen Stimmen sind dazu nicht in der Lage.

Conrad L. Osborne: »Opera as Opera« (S. 370)

Osborne hält auch mit seinem Urteil über die heutige Aufführungspraxis und die sängerischen Leistungen nicht hinter dem Berg: »Und so kommt es, daß Abend für Abend die Meisterwerke des E-191 gänzlich lieblos an uns vorüberziehen; oder nur sowenig zufriedenstellend, daß sich Fru­stration breitmacht. Der Gesang, welcher als einziges die Aufmerksamkeit der Ohren vor der Gefangennahme durch die Augen zu retten vermag, verfehlt das Ziel, die Ohren von der orche­stralen Nicht-Aufführung auf die Leidenschaften des Dramas zu lenken. Die neuen Stimmen sind dazu nicht in der Lage.«

Ein Kapitel ist mit »Ernani, Hampson, and the ›Verdi Baritone‹« überschrieben, ein anderes trägt den Titel »The Leading Ladies Settle Down«. Im Abschnitt »The New Mezzo« diskutiert Osborne die über die Jahrzehnte zu registrierende radikale Reduktion des Stimmvermögens an Hand einer (exemplarischen) Aufstellung von Conchita Supervia über Giulietta Simionato bis hin zu Frederica von Stade und Cecilia Bartoli. (Marilyn Horne wird in diesem Zusammenhang ein eigener Abschnitt gewidmet.)

Plácido Domingos Stimme in seiner »prime time«, den 1970-er und frühen 1980-er Jahren, gesteht der Autor beispielsweise ⅔ des stimmlichen Kalibers eines Franco Corelli zu. Und auch für das Phänomen Jonas Kaufmann findet Osborne Zeit zur Beschäftigung und, ja, auch Bewunderung. Allerdings endet des Autors Analyse mit dem Jahr 2014, also vor Kaufmanns langer Pause nach einer Stimmbandoperation. (Da wäre es interessant gewesen, wie Osborne Kaufmanns aktuelle stimmliche Verfassung einschätzt — auch und besonders im Vergleich zu den Großen des beginnenden 20. Jahrhunderts.)

Conrad L. Osborne  »Opera as Opera. The State of the Art«

Conrad L. Osborne
»Opera as Opera. The State of the Art«
Englische Ausgabe
Proposito Press, 2018; Hardcover, 840 Seiten.
ISBN: 9780999436608
Preis: USD 45,–
Erhältlich via www.conradlosborne.com

Osborne spannt in »Opera as Opera« auch einen Bogen in die Zukunft: Er analysiert, ob nicht das Ausbildungssystem Schuld trägt daran, daß keine großen Stimmen mehr heranwachsen (können). Obwohl der Autor hier vor allem das U.S.-System mit seinen Colleges vor Augen hat, passen seine Beobachtungen auch auf die europäischen Institutionen. Den Abschluß bildet die Aufstellung eines business plans für die Errichtung und Betreibung einer Operngesellschaft, verbunden mit der Aufforderung, daß zum Zwecke der Erhaltung dieser Kunstform der Staat eine solche Investition tätigen möge. (Man darf annehmen, daß Osborne hier vor allem an die New York City Opera denkt, welche 2013 Konkurs anmeldete.) 

Seitenlange, kenntnisreiche Anmerkungen in den Kapiteln verweisen auf zahlreiche Bücher, Ein­spielungen und im Haupttext nur kursorisch behandelte Aspekte. Osbornes Schlüsse enthalten die unausgesprochene Einladung, sie durch Selbsthören nachzuvollziehen; — ein zeitraubendes, aber lohnendes Unterfangen.

»Opera as Opera« ist kein Buch für jene, die Oper als gesellschaftliches Ereignis betrachten. Es ist ein Buch für eingefleischte Opernfreunde. Und empfohlene Pflichtlektüre für alle, welche als Opernsänger ihren Lebensunterhalt bestreiten (wollen) oder in ihrem Berufsleben mit dieser Kunstform zu tun haben: Politiker, welche Intendanten ernennen, Direktoren und Dramaturgen, Dirigenten, Regisseure, Kostüm- und Bühnenbildner.

  1. Osborne bezeichnet mit dem Begriff »E-19« das erweiterte 19. Jahrhundert, also die Zeitspanne von Mozart bis Richard Strauss.

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