Rezensionen Oper

Giacomo Puccini: »Turandot«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
»Turandot«, 2. Akt © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Turandot«, 2. Akt

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
Von einer guten Repertoire-Aufführung ist zu berichten. Von Haus- und Rollen-Debuts, diese mehr, jene weniger gelungen. Und von einem Spielvogt mit reichen Einfällen, dessen Einfälle jedoch nicht reich sind.
Dies sind, vorweg, die Begebenheiten.

II.
Paolo Carignani kehrte nach mehr als zwei Jahren Abwesenheit und erstmals für Turandot ans Pult des Staatsopernorchesters zurück. Dies galt es zu feiern: mit Überschwang und — vor allem im ersten Akt — außerordentlichen Phonzahlen, mit einem stringenten, vorwärtsdrängenden und mehr auf die große Linie denn Agogik und Details bedachten Dirigat. Auch bzw. gerade in der Koordination mit dem Staatsopernchor klappte nicht alles, waren ungenaue Einsätze und eine der groben Seite zuneigende Interpretation der Chorstellen zu konstatieren.

Wollte man den Abend unter ein Motto stellen: Weniger wäre manchmal mehr gewesen.

III.
Gleiches gilt es von der Turandot der Elena Pankratova zu berichten: Die Russin ließ bei ihrem Haus-Debut eine im piano und der Mittellage gut geführte Stimme hören. »In questa Reggia« allerdings vergab sie, setzte zuviel Kraft ein, wo Puccini doch größtenteils piano vorgeschrieben hat. Da klang Pankratovas Stimme in der Höhe schrill, ließ einige Male die Deckung vermissen. Insgesamt jedoch: Nach Lise Lindstroms Wiener Turandot-»Versuchen« eine wohltönende Verbesserung. Mit Potential nach oben.

IV.
Als »Schreibkräfte« Ping, Pang und Pong waren wiederum Gabriel Bermúdez, Carlos Osuna und Norbert Ernst aufgeboten. Und wie in der Premièren-Serie gilt — nicht zuletzt der gesanglichen Leistungen wegen — für den zweiten Akt dasselbe Dictum: »Eine verschenkte Scene.« Ob man in Wien diese Partien wieder einmal ausgezeichnet interpretiert hören wird können?

V.
Vom Timur des Ryan Speedo Green gestatte man mir zu schweigen.

VI.
Nicht schweigen aber will ich von der Liù der Anita Hartig. Puristen mögen anmerken, daß ihre Stimme zu schwer geworden ist für diese Partie. Gewiß. Aber — sie mögen sich Katia Ricciarelli in Erinnerung rufen. Und abermals: Gewiß, größeres Vibrato war an einigen Stellen ebensowenig zu überhören gewesen wie der eine oder andere kleine Fehler. Doch: Was wäre da möglich mit einem einfühlsameren Dirigenten als Carignani gestern abend? Denn Hartig weiß technisch richtig zu singen, ihr Organ zu führen — und ihr Publikum bereits im ersten Akt zu Zwischenapplaus zu bewegen. Gilt das nicht mehr, viel mehr?

VII.
Der aus Turin gebürtige Stefano La Colla beeindruckte bei seinem Haus-Debut als Calaf mit einer der großen italienischen Gesangstradition verpflichteten, wenngleich für seine bislang nur zehn Jahre währende Carrière sehr metallisch klingenden Stimme.

Ja, die feine Linie ist die Sache des an kleinen Häusern gelernt Habenden nicht. Sein dunkel timbriertes, bis in die Spitzentöne kompakt geführtes und im Klang ein wenig an Franco Corelli erinnerndes Organ ließ allerdings alle Schwierigkeiten der Partie vergessen.

Und, abermals ja, »Non piangere, Liù« hat man schon delikater gesungen gehört. Aber die gesangstechnische Mühelosigkeit, mit welcher dieser Calaf Turandot seine Ansprüche klar machte und dabei in »Ti voglio tutta ardente d’amor!« organisch eingebettet das hohe C der alternativen Fassung erklomm — das hatte etwas Beeindruckendes an sich.

VIII.
Weiter so, Kinder.

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