Rezensionen Oper

Giuseppe Verdi: »La traviata«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
»La traviata«, 1. Akt: Violetta Valéry (Irina Lungu) und Alfredo Germont (Pavol Breslik) beim »Brindisi« © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»La traviata«, 1. Akt: Violetta Valéry (Irina Lungu) und Alfredo Germont (Pavol Breslik) beim »Brindisi«

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
»Es is eh alles falsch.« Dieses, Dr. Karl Böhm zugeschriebene, Diktum umreißt das Gebotene, nur wenig überzeichnend. (Ethos des Kritikers: Er sei vor allem ein Wahrheitssager.)

II.
Da wäre zum ersten Jean-François Sivadiers szenische Umsetzung: ein unentschuldbares Ärgernis der ersten Stunde. Von der ersten Sekunde an. Piaves und Verdis Werk darin adäquat aufzuführen: eine Unmöglichkeit. Bewundernswert daher die Bereitschaft der Sänger, diese kruden Einfälle mit Leben erfüllen zu wollen. 

III.
Marco Armiliato am Pult des Staatsopernorchesters begnügte sich die meiste Zeit über mit der Begleitung des Bühnengeschehens. Dies auf — zugegebenermaßen — höherem Niveau als üblich. Aber oberflächlich. Der Wille zum Nachspüren der Einzelheiten in der Partitur, darin (vor allem bei Verdi) Riccardo Muti exzelliert, fehlte. Die getreuliche Beachtung der unzähligen dyna­mischen Vortragszeichen, die musikalische Gestaltung der Vorspiele zum Beispiel — war »Dienst«, nicht Ausdruck der Empfindungen. Berührte nur in wenigen Momenten, wie etwa in Violettas »Amami Alfredo, amami quantio t’amo«. (Vielleicht die schönste Liebeserklärung, welche je für die Opernbühne komponiert wurde.) Oder in Violettas letzten Phrasen. Über­wiegend jedoch: solides Handwerk. Nicht mehr.

IV.
Pavol Breslik kehrte nach den Aufführungen im September 2015 als Alfredo Germont wieder; — und, wie damals, an der Seite Irina Lungus. Bresliks Stimme klang den ganzen Abend hindurch rauh und angestrengt, mit zum Teil engen, weil gepreßten Spitzentönen. »Con grazie« über­schrieb Verdi den Beginn des Brindisi, und »leggerissimo«. Aber »leggerissimo« klang da nichts, und daran sollte sich bis zum abschließenden Duett mit Violetta auch nichts ändern. Während der cabaletta — »Oh mio rimorso! oh infamia!« — schien mir der Zeitpunkt des Aufgebens nicht weit, so sehr klafften Bühne und Graben in ihren Auffassungen auseinander. Daß Breslik sich des (nicht notierten) Spitzentons am Ende der cabaletta begab: Es kam für mich nicht überraschend.

»La traviata«, 2. Akt: Violetta Valéry (Irina Lungu) mit Giorgio Germont (Plácido Domingo) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»La traviata«, 2. Akt: Violetta Valéry (Irina Lungu) mit Giorgio Germont (Plácido Domingo)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
»Ihre Violetta klang schon im ersten Akt krank, mit scharfen, unfokussierten Höhen, unsauberen Koloraturen und Problemen in der Atemtechnik«, hielt ich anläßlich des Rollen-Debuts von Irina Lungu als Violetta Valéry an der Staatsoper im September 2015 fest. Dem ist nach dem letzten Abend wenig hinzuzufügen. Außer vielleicht, daß sich Lungus Höhe diesmal ein für ihr Alter und für diesen Zeitpunkt ihrer Carrière beunruhigendes Tremolo hinzugesellte: Zeichen unzureichender Gesangstechnik und damit unökonomischen Singens. Daraus folgte unmittelbar das Nichteinhalten der Vortragszeichen; — z.B. in der großen Szene mit Giorgio Germont im zweiten Akt.

Um übermäßigem Vibrato entgegenzuwirken, die Stimme zu stabilisieren, baut ein Sänger in der Regel Druck auf. Fazit: Die Halsmuskeln verspannen sich, piani und pianissimi (noch dazu im passaggio) werden so unmöglich. In der Folge leidet die Rollengestaltung: Im mezzoforte lassen sich weder Verletzlichkeit noch unterdrückter Zorn darstellen.

Daß sich bei Lungu im Finale einige Male ihre russische Herkunft Bahn brach, in jenen Phrasen eine Violetta nicht intendierte Gewöhnlichkeit eignete: Ich nahm es hin an diesem weit hinter den Erwartungen zurückbleibenden Abend.

VI.
Und Plácido Domingo, der Giorgio Germont? Dieser ehemals große Sänger scheint — aus welchen Gründen auch immer — ebenso fleißig mit der Demontage seines Rufes beschäftigt, mit welchem er über Jahrzehnte seine Partien erarbeitete.

Bereits das eröffnende »Madamigella Valery?« setzte den Ton für den Rest des Abends: Polternd und ohne die Phrasen ausschwingen zu lassen, eröffnete Domingo die große Szene mit Violetta, den Unterschied zwischen »con forza« und »forte« geflissentlich ignorierend. Piani und pianissimi gelangen zu­meist nur mehr in der angenehmen Mittellage oder im Falsett gesungen. Die Enden der meisten Phrasen waren vom Ausstoßen der überflüssigen Luft begleitet (was den Vortrag abgehackt erscheinen ließ). Auch »Di Provenza« klang rauh und bar jeder Beachtung der notierten Zeichen (zumeist piano und pianissimo, von Verdi extra auch für die Singstimme vorgeschrieben).

Die cabaletta »No, non udrai rimproveri«: Sie wurde vorsichtshalber gestrichen, denn im Saal waren TV-Kameras aufgebaut. Die im Mai 2016 gehörten Unzulänglichkeiten: Sie sollen schließlich nicht für die Nachwelt festgehalten werden…

VII.
Nicht der Kunst galt es an diesem Abend, sondern dem Kassenreport. Viele der Anwesenden spendeten großzügig Applaus; vermutlich in Unkenntnis der Partitur und in der Armut ihrer Bedürfnisse.

Die Ehrung solcher Abende allerdings: ein anerzogener Irrtum.

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