»Salome«: Erika Sunnegårdh bei ihrem Wiener Rollen-Debut als Salome © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Salome«: Erika Sunnegårdh bei ihrem Wiener Rollen-Debut als Salome

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Richard Strauss: »Salome«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Die erste Vorstellung des in Musik gesetzten Dramas von Oscar Wilde in der laufenden Saison präsentierte sich neu eingeleuchtet. So kamen keine Zweifel über die Geschehnisse auf der Bühne auf.

Jürgen Roses Bühnenbild und Kostüme erfreuen immer noch das Auge (auch des vazierenden Opernbesuchers) und böten dem musikalischen Teil der Aufführung jenes Fundament, welche die vom Feuilleton heute so oft bejubelten Scenerien doch meistens missen lassen. Böte — denn leider reichte es nur für durchschnittliches Repertoire-Niveau.

Dies der erste Eindruck.

II.
Das Staatsopernorchester, angeführt von Rainer Honeck und José Maria Blumenschein am Konzertmeisterpult, machte es sich zumeist im mittleren bis oberen Lautstärkebereich gemütlich. Nur gelegentlich erfolgten Ausflüge in die Gefilde von piano und pianissimo. Alain Altinoglu, nach 2014 wieder für Salome zurückgekehrt ans Pult, ließ, nicht zuletzt auf Grund großer Zeichengebung, durchwegs zu laut spielen. Außerdem durchmaß er Straussen’s Partitur in einem Tempo, welches es den Sängern schwer machte, ihre Kantilenen ausschwingen zu lassen. So klang denn vieles rauh und wenig abgestimmt: Das Juden-Quintett (Thomas Ebenstein, Peter Jelosits, Carlos Osuna, Benedikt Kobel und Dan Paul Dumitrescu) beispielsweise hörte ich schon feiner, durchhörbarer, die Texte besser verständlich. Jene Aufführungen waren allerdings von Kapellmeistern alten Schlags geleitet worden, mit kleinen Bewegungen, aber erfreulicheren Ergebnissen.

III.
Ich kann nicht umhin zu bemerken, daß die Stimme von Norbert Ernst — wie übrigens bereits als Merkur in den Salzburger Aufführungen von Die Liebe der Danae — dunkler klang als noch vor ein paar Monaten. Ob das mit seiner Aspiration zum Wechsel in das Heldenfach zu tun hat? Einer Umstellung der Gesangstechnik? Gestern jedenfalls sang Ernst den Narraboth mit angenehm klingendem, abgedunkelten Tenor und blieb auch spielerisch nichts schuldig.
Ulrike Helzel als Page vermochte da erstens stimmlich nicht mitzuhalten, zweitens schauspielerisch nicht aus ihrer (weiblichen) Haut: Nie würde ein Mann einen anderen so berühren wie sie den Hauptmann. Kleinigkeiten? Eher nicht, stören sie doch den Gesamteindruck.

IV.
Jane Henschel übernahm wie im Oktober 2014 die Partie der Herodias und fungierte als sichere Stichwortgeberin für ihren Mann: Gerhard A. Siegel bewies mit einer spielerisch und gesanglich sehr guten Leistung als Herodes seine bereits im Salzburger Festspielsommer als Midas alias Chysopher gezeigte Form. (Daß ihm die Staatsoper am Abendzettel nur die Partie des Pollux zugestand: eine weitere Schludrigkeit in der Öffentlichkeitsarbeit des Hauses, welches — um nur ein weiteres Beispiel zu geben — für den Live Stream der Silvester-Fledermaus immer noch den im Juni verstorbenen Alfred Šramek ankündigt. Aber das ist eine andere Geschichte.) Siegels Gestaltung machte Herodes jedenfalls zu jener Hauptpartie, welche man in den Aufzählungen allzu oft vergißt. 

»Salome«: Gerhard A. Siegel (Herodes) und Jane Henschel (Herodias) in den wunderschönen Jugendstilkostümen von Jürgen Rose © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Salome«: Gerhard A. Siegel (Herodes) und Jane Henschel (Herodias) in den wunderschönen Jugendstilkostümen von Jürgen Rose

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
Sieben Jahre galt es, auf ein Wiedersehen mit der schwedisch-amerikanischen Sopranistin Erika Sunnegårdh an der Wiener Staatsoper zu warten. Nach der gestern abend gezeigten Leistung hätte ich es nicht so eilig gehabt. Zwar spielte Sunnegårdh die Salome engagiert; musikalisch überzeugte sie nicht: Da klang vieles deklamiert und ohne Resonanz. Im hohen Register mangelte es an Textdeutlichkeit, außerdem waren immer wieder Zeichen stimmlicher Überforderung zu bemerken. Im tiefen Register fehlte es an Volumen. Im passagio änderte sich des öfteren innerhalb der Phrasen die Stimmfarbe unwillkürlich. Die eine oder andere gelungene Passage konnte da nur bedingt entschädigen.

Allerdings wußte Sunnegårdh den Schleiertanz interessant zu gestalten: nicht als Ausdruck der kleinasiatischen Tradition, sondern als Psychogramm ihrer Beziehung zu Herodes. Man erahnte eine sexuelle Komponente, gepaart mit Devotion. Ob aus einer anderen Inszenierung importiert oder seinerzeit von Boleslaw Barlog so erdacht, muß ob der von den Sängerinnen gepflogenen a piacere-Gestaltung des Tanzes offenbleiben. 

Ceterum censeo: Für ein erfolgreiches Rollen-Debut an der Staatsoper bedarf es mehr.

VI.
Matthias Goerne, man las es vorher, sang zum ersten Mal in seiner Carrière die Partie des Jochanaan. Die Courage, dies in Wien zu tun, ist dem Bariton hoch anzurechnen. Seine Gestaltung war stimmlich wie darstellerisch zurückhaltend, mit dem einen oder anderen alternativ gesungenen Ton und ohne jenes satte stimmliche Fundament in der Tiefe, worauf doch der Glaube und die Sendung des Propheten beruhen. Da hörten wir auch in jüngster Vergangenheit Überzeugenderes.

VII.
Einiges Angemerktes wird sich in den nächsten Vorstellungen sicher verbessern, mochte der Nervosität der ersten Vorstellung der Serie geschuldet sein. Was freilich die Frage evoziert, ob das Publikum am ersten Abend nicht auch Anspruch darauf hätte.

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