Großes Festspielhaus, Salzburg (Detail). © Thomas Prochazka

Großes Festspielhaus, Salzburg (Detail).

© Thomas Prochazka

Immortal Performances:
»Lohengrin« (Metropolitan Opera, 1940)

Von Thomas Prochazka

Die 1930-er und 1940-er Jahre gelten vielen Melomanen heute noch als eine Hochblüte der Richard Wagner-Pflege an der Metropolitan Opera, dem größten Opernhaus der U.S.. Das Team von Immortal Performances offeriert aus jenen Tagen sogar fünf Mitschnitte des Lohengrin mit Lauritz Melchior in der Titelpartie; darunter 1935 (Lotte Lehmann), 1937/1938 (Kirsten Flagstadt) und 1940 (Elisabeth Rethberg) in unterschiedlicher Qualität und nur jener aus dem Jahr 1940 komplett.

Die zwei anderen Sets stammen aus 1934 — der Mitschnitt der ersten vollständigen Übertragung aus der Metropolitan Opera (Met), ebenfalls mit Rethberg und Melchior, erschien erst in April 2019 (IP 1112-3) beim Label Immortal Performances Recorded Music Society — und vom 17. Jänner 1942 (IP 1107-3), mit der jungen und mitreißenden Astrid Varnay gegenüber Melchior und, für einige, der besten, jemals gehörten Vorstellung des Graf von Telramund von Herbert Janssen sowie der besten Ortrud from Kerstin Thorborg (besser als 1940, heißt es).

II.
Meine Wahl fiel auf den Mitschnitt vom 27. Jänner 1940, und dies aus mehreren Gründen:

  • Die Aufnahme aus dem Jahr 1940 ist komplett und kommt ohne Fremdmaterial aus.
  • Ich erhoffte mir eine bessere Aufnahmequalität als 1934 und 1935.
  • Bei den Mitschnitten aus den Jahren 1934 und 1935 gab es unwiederbringlich zerstörte oder fehlende Passagen, welche für eine Veröffentlichung von Richard Caniell, dem Toningeneur von Immortal Performances, aus späteren Übertragungen eingesetzt bzw. ergänzt wurden.
  • Im originalen Rundfunkmitschnitt aus 1937 sang der Belgier René Maison die Titelpartie. (Da Flagstadt und Melchior über Jahre hinweg in gemeinsamen Aufführungen sangen, doch niemals in einer Samstags-Matinée — bzw. wurden diese Bänder von der NBC nicht archiviert —, ersetzte Caniell Maison in mühevoller Detailarbeit durch Melchior aus einem Met-Mitschnitt des Jahres 1938.)
  • Ich war (nach dem Salzburger Don Giovanni aus dem Jahr 1937) neugierig auf Elisabeth Rethbergs Elsa.
  • Kerstin Thorborg, obwohl eine der größten Wagner-Altistinnen (nicht nur) ihrer Zeit, ist vielen von uns heute eine große Unbekannte.

III.
Wie bei den Veröffentlichungen der Immortal Performances Recorded Music Society üblich, informiert Toningenieur Richard Caniell im CD-Begleitheft über die (ton-)technischen Hindernisse, welche es für die Veröffentlichung der jeweiligen Aufführung zu überwinden gilt. Der Mitschnitt vom 27. Jänner 1940 war schon einmal vor 15 Jahren erschienen. Die vorliegende, zweite Veröffentlichung dieser Vorstellung stützt sich auf die originalen Bänder der Übertragung. (Doch keine Angst, es blieb auch so noch genügend für Caniell zu tun.)

Das Ergebnis kann sich hören lassen: Ausgenommen das Vorspiel zum ersten Akt, bietet diese Veröffentlichung eine für diese Zeit erstaunliche Tonqualität. Man hört die Obertöne in den Stimmen, Klarinette und Oboe sind in ihren Soli erstaunlich präsent, übersteuert klingende Stellen (wenn, dann vor allem in den Chor/Ensemble-Szenen) sind selten.

IV.
Dieser Lohengrin-Mitschnitt bietet Erstaunliches: Da wäre zum ersten der junge Leonard Warren als Heerrufer. Vom ersten Ton an beeindruckt Warren mit seinem dunklen Bariton, seinem legato und einer Textdeutlichkeit, die jedes Wort verständlich macht. (Und läßt Dietrich Fischer-Dieskau, den Graf von Telramund der Kempe-Einspielung von 19641, stimmlich weit hinter sich.)

Warren stach an diesem Samstag im Jänner 1940 auch Emanuel List als König Heinrich aus. Gewiß, List hatte keinerlei größere Schwierigkeiten mit der Partie oder den »money notes« am oberen und unteren Ende. Doch seine Stimme klingt oftmals flach. Nicht so ehrfurchtsgebietend, wie wir uns das von einem Herrscher erwarten. Warrens Stimme hingegen: dunkler als jene des Baß-Kollegen, offener, mit größerem Volumen.

V.
Zum zweiten den Graf von Telramund des (ebenfalls erst 27 Jahre alten) Julius Huehn. Huehn, in Revere, Massachusetts, geboren, hatte bei Friedrich Schorr studiert. Huehn war ein gelehriger Schüler: Er sang den Graf von Telramund in einem so natürlichen, weichen Deutsch, fast ohne Akzent. Einem Deutsch, das viele heutige Interpreten beschämen müßte. Wann hörten wir zuletzt einen Graf von Telramund (fast) parlando singen; die notierten Achtel- und Sechzehntelnoten so genau beachten? Huehns Stimme klingt auf dem Mitschnitt nicht so groß wie jene seiner Kollegen. Dennoch: Dieser Adelige braucht keinen Vergleich mit heutigen Interpreten scheuen. Ist stimmlich ungemein präsent. Auch (oder gerade) im zweiten Akt, in der großen Szene mit Ortrud.

VI.
Was — und dies die dritte Entdeckung dieser Aufnahme — bei einer Kerstin Thorborg in der Partie der Gegenspielerin Elsas durchaus kein leichtes Unterfangen gewesen sein kann. Thorborg war an jenem 27. Jänner 1940 kurzfristig für Karin Branzell als Ortrud eingesprungen. Die schwedische Altistin nannte eine technisch hervorragend geschulte Stimme ihr eigen. Die Textdeutlichkeit ist betörend. Die Höhen werden organisch in die Phrasierung eingebettet, nicht angeschliffen oder — wie es heute meist der Brauch — forte präsentiert, mit unwillkürlichen Änderungen der Stimmfarbe. Thorborg versteht sich, wie Elisabeth Rethberg, darauf, die beiden Stimmfamilien unmerklich zu mischen; selbst wenn die Stimme bis zum tiefen ›c‹ abzusteigen hat. Die Klarheit des Tons: Sie bleibt dennoch erhalten.

VII.
Dieser Lohengrin-Mitschnitt bietet mit Lauritz Melchior einen der besten Heldentenöre, deren Tun uns heute noch zugänglich ist. Melchior sang die Titelpartie an der Met mit verschiedenen Partnerinnen von 1935 bis in die 40-er Jahre: 1935 mit Lotte Lehmann, 1937/38 immer wieder mit Kirsten Flagstadt (allerdings niemals in einer übertragenen Matinée) und im vorliegenden Mitschnitt mit Elisabeth Rethberg.

Melchiors Lohengrin singt sich niemals in den Vordergrund. Dennoch verfügt sein Heldentenor über eine stimmliche Präsenz, die einen staunen macht. Da vermag Jess Thomas auf der Studio-Einspielung unter Rudolf Kempe (ehemals EMI, heute Warner Classics) nicht mitzuhalten. Wo Thomas uns die erforderliche Kraft stimmlich hören läßt, modelliert Melchior mit, so scheint es, niemals versiegenden Reserven.

Richard Wagner · »Lohengrin« · Lauritz Melchior · Elisabeth Rethberg · Kerstin Thorborg · Julius Huehn · Emanuel List · Leonard Warren · Chor und Orchester der Metropolitan Opera · Erich Leinsdorf

Richard Wagner
»Lohengrin«
Lauritz Melchior · Elisabeth Rethberg · Kerstin Thorborg · Julius Huehn · Emanuel List · Leonard Warren
Chor und Orchester der Metropolitan Opera
Erich Leinsdorf
Immortal Performances IPCD 1018-3
Erhältlich via www.immortalperformances.org

Melchiors Gralserzählung folgt Wagners dynamischen Vorgaben nur ungefähr. Doch welche Kraft, welche Eindrücklichkeit eignet dieser Szene! Welcher Erfahrung mit einer Partie bedarf es, um solche Entscheidungen treffen? Und diese vielleicht sogar Abend für Abend der eigenen stimmlichen Verfassung anzupassen?

VIII.
Ihm zur Seite sang damals Elisabeth Rethberg die Elsa. Und was für eine Elsa! Elisabeth Grümmer mag die größere Künstlerin gewesen sein (auch wenn ihre Spitzentöne auf der Kempe-Einspielung mitunter scharf und abgesetzt klingen), Rethberg war die bessere Sängerin. Wie die in Dresden Geborene phrasiert, die dynamischen Vorgaben ebenso minutiös beachtet wie Wagners vorgegebene portamenti, wird ihr wohl für immer einen Platz im Sängerolymp sichern. Rethbergs Stimme scheint keine technischen Grenzen zu kennen: Wenn Wagner mitten in einer Phrase eine Fermate vorschreibt, singt Rethberg die Phrase zu Ende, ohne nach dem gehaltenen Ton zu atmen. Wer vermag solches heute noch? Man höre sich z.B. an, wie Rethberg im zweiten Akt bei »ein Glück das ohne Reu’!” die Stimme ins pianissimo zurücknimmt, ohne daß sie an Kraft, Ausdruck und Deutlichkeit verliert.

IX.
Am Pult des Orchesters der Metropolitan Opera stand der 27-jährige Erich Leinsdorf. Leinsdorf, 1912 in Wien geboren, wurde von Bruno Walter Arturo Toscanini empfohlen und sein Assistent bei dessen Produktionen der Salzburger Festspiele. Schließlich landete Leinsdorf als Artur Bodanzkys Assistent am ersten Opernhaus der U.S. (Bodanzky war in jenen Jahren »der« Dirigent für das deutsche Repertoire an der Met.)

Leinsdorf dirigierte eine schwungvolle, von jugendlicher Unbekümmertheit geprägte Aufführung mit den offenbar zu dieser Zeit üblichen Strichen: König Heinrich muß im ersten Akt nicht über die Ungarn berichten. Zwei Chor/Ensemble-Szenen im Finale des ersten und des zweiten Aktes wurden gekürzt. Und im dritten Akt fiel die Ensemble-Szene nach der Gralserzählung bis zu Lohengrins »Schon sendet nach dem Säumigen der Gral!« dem Rotstift zum Opfer (ein auch heute noch durchaus üblicher Strich, z.B. bei Christian Thielemanns Dresdner Aufführungen im Mai 2016).

Die Unmittelbarkeit und Frische von Leinsdorfs Leitung läßt sich an zwei Beispielen exemplarisch festmachen: Weder Kempe noch Thielemann2 schaffen es, das Finale des ersten Aktes derart mitreißend zu dirigieren. Nämliches gilt für das Vorspiel zum dritten Akt: Wo Kempe und Thielemann im ruhigeren Mittelteil das Tempo drosseln, stürmt Leinsdorf unter Beachtung der Vortragsbezeichnung Sehr lebhaft weiter voran. Erst im Finale, für eine ansatzlose Überleitung zur Brautgemach-Szene, mäßigt auch Leinsdorf das Tempo.

X.
Dieser Lohengrin-Mitschnitt von vor 80 Jahren ist eine empfehlenswerte Ergänzung für jede CD-Sammlung. Und ein anschauliches Beispiel dafür, was die Großen der Vergangenheit zu leisten imstande waren.

(Anmerkungen der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels fehlten die Informationen über die Immortal Performances Lohengrin-Sets aus 1934 und 1942. Außerdem wurden ein paar unklare Formulierungen bereinigt.)

  1. Richard Wagner: Lohengrin. Mit Elisabeth Grümmer, Christa Ludwig, Jess Thomas, Dietrich Fischer-Dieskau, Gottlob Frick, Otto Wiener. Rudolf Kempe dirigiert die Wiener Philharmoniker und den Chor der Wiener Staatsoper. Warner 0 825646 902569 (3 CD), 1964.
  2. Ich beziehe mich auf den mir vorliegenden, unredigierten Mitschnitt der Vorstellung an der Semperoper Dresden vom 22. Mai 2016 mit Anna Netrebko, Evelyn Herlitzius, Piotr Beczała, Tomasz Konieczny, Georg Zeppenfeld, Derek Welton und dem Sächsischen Staatsopernchor Dresden. Christian Thielemann dirigiert die Sächsische Staatskapelle Dresden.

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