Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker im leeren Goldenen Saal des Wiener Musikvereins bei der Aufnahme der 1. Symphonie von Anton Bruckner © Wiener Philharmoniker/Terry Linke

Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker im leeren Goldenen Saal des Wiener Musikvereins bei der Aufnahme der 1. Symphonie von Anton Bruckner

© Wiener Philharmoniker/Terry Linke

Christian Thielemann:
Bruckner mit den Wiener Philharmonikern (III)

Musikverein Wien

Von Thomas Prochazka

Des einen Leid, des anderen Freud’: Durch die Verschiebung der Osterfestspiele Salzburg 2021 auf das Allerheiligen-Wochenende wurde die rasche Fortsetzung der Aufnahmen der Symphonien von Anton Bruckner mit Christian Thielemann und den Wiener Philharmonikern möglich. Letzte Woche traf man einander für die Einspielungen der Symphonien in f-moll, WAB 99, und d-moll, WAB 100.

II.
»Die Wiener Philharmoniker haben mich gerettet«, meinte Christian Thielemann, in Dresden zur Untätigkeit verurteilt. Dort finde »seit Monaten nichts Anständiges statt«. Beim aktuellen Aufnahmetermin handle es sich um eine »Doppel-Première mit einem Orchester, das auch nicht ganz unbekannt ist«: Weder hatte Christian Thielemann diese beiden Symphonien Anton Bruckners zuvor dirigiert noch hatten die Wiener Philharmoniker sie je gespielt. Man ging eine Woche lang auf Entdeckungsreise. Investierte wie bei den Zusammentreffen davor in fünf Arbeits- und eine Durchlaufprobe, ehe am Wochenende die Aufnahmen für die Firma Unitel stattfanden.

III.
Den Beginn machte an diesem Sonntagvormittag die Symphonie in f-moll, WAB 99 — landläufig auch »Studiensymphonie« genannt. 1863 in Linz entstanden, eignet sie sich in ihrer in der Tradition der frühen Romantiker stehenden Anlage hervorragend zur Annäherung an den Brucknerschen Kosmos. Was sich in den späteren Symphonien harmonisch amal­gamieren wird, hier steht es noch getrennt: Die Holzbläser konzertieren miteinander und den Streichern nach Mendelssohn’scher Art, das Solo-Cello darf kräftig und doch wohltönend singen. Auch Mozart schaut im ersten Satz auf einen Sprung vorbei.

Das Andante molto des zweiten Satzes verklingt in einem morendo der Holzbläser. Mit Christian Thielemann am Pult erbringt die Horngruppe den Nachweis, daß auch auf einem Wiener Horn ein smorzando möglich ist. Wie das Andante molto weist auch das Scherzo in die Zukunft. Das Finale, »ein fröhliches f-moll« (© Christian Thielemann) läßt wieder Ahnungen an Schumanns »Rheinische« aufkommen; auch an Weber und — wiederum — Mendelssohn, ehe er im Allegro und fortissimo dem Ende zueilt. Und die Streicher ob der spieltechnischen Schwierig­keiten fordert.

Wieder baute Thielemann im abgedunkelten, leeren Goldenen Saal (s)eine Kathedrale aus Klang, setzte die Höhepunkte ebenso sicher wie er immer wieder aufforderte, an den leisen Stellen lustvoll weniger zu geben. Erstaunlich, wie Dirigent und Orchester sich binnen einer Woche zu so einer abgerundeten Wiedergabe zusammenfanden.

IV.
Die Symphonie in d-moll, WAB 100, »Die Nullte«, entstand 1869. Thielemanns Lesart ist stringenter als beispielsweise jene (durchaus empfehlenswerte) von Riccardo Chailly mit dem Radio-Symphonie-Orchester Berlin. Das wird vor allem im Allegro, dem ersten Satz, deutlich. Immer wieder lockt Thielemann das die Symphonie eröffnende Baß-Ostinato der Celli und Kontrabässe in den Vordergrund. Das hilft dem Hörer, sich in den Klüften zurechtzufinden. Einem Suchenden sind wir da auf der Spur, der ausprobiert. Doch der Organist Bruckner weiß bereits um die Macht der Bläserchoräle (nur die f-moll-Symphonie ist frei von ihnen). Blitzsauber klingen die Wiener Hörner im piano an diesem Vormittag.

Das Andante ist elegant; erinnerte mich an einigen Stellen an Johannes Brahms; — und war doch brucknerisch durch und durch. Im Presto-Teil des Scherzo ließ Thielemann das Orchester des öfteren einfach spielen; beschränkte sich auf kleine Einsätze hie und da. Ein »fetziges Scherzo« hatte er den Satz im Pressegespräch zwei Tage zuvor genannt. In des Berliner Kapellmeisters Klangkathedrale erwuchs das Finale (ModeratoAllegro vivace) zum Höhepunkt der Symphonie. — Orchestervorstand Daniel Froschauer hatte angemerkt, daß die Synkopen für die Streicher äußerst unangenehm zu spielen seien, die technischen Schwierig­keiten jenen der Symphonie in c-moll, WAB 101, vergleichbar. Man ahnte nichts davon an diesem Vormittag.

V.
Im Pressegespräch verwahrten sich Christian Thielemann und Michael Bladerer, der Geschäftsführer des Orchesters, übrigens dagegen, diese aus der Zählung gefallenen Symphonien als »Anfängerwerke« abzutun; im Gegenteil: »Die Erkenntnis aus dieser Sache ist: Anton Bruckner hat eigentlich elf Symphonien geschrieben.« Nach diesem Vormittag muß man Christian Thielemann beipflichten.
Glücksmomente.

Die kommenden Ausstrahlungstermine nach aktuellem Stand:

  • 5. April 2021, 09:05 Uhr, ORF 2: Symphonie Nr. 5 in B-Dur
  • 16. Mai 2021, 11:03 Uhr, Ö1: Symphonie in f-moll, WAB 99, und Symphonie in d-moll, WAB 100

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