»Cavalleria rusticana« © Wiener Staatsoper GmbH

»Cavalleria rusticana«

© Wiener Staatsoper GmbH

Pietro Mascagni:
»Cavalleria rusticana«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Hätte es des Nachweises bedurft, daß selbst die beste Regie eine Opernvorstellung nicht zu retten vermag: An diesem Abend wurde er erbracht. Mögen die Inszenierung, das Bühnenbild und die Kostüme auch vom Magier Jean-Pierre Ponnelle stammen: Ohne Stimmen, ohne Unterstützung aus dem Graben ist die Mühe vergebens.

II.
Brian Jadge debutierte an diesem Abend an der Wiener Staatsoper. Nun, ’s wär’ so eilig nicht gewesen. Die Siciliana dieses Turiddu: versungen und vertan. Aber auch danach ließ Jadge wenig hören, das sein Engagement gerechtfertigt hätte: Unsaubere Tongebung und gepreßte Höhen paarten sich mit grobem Spiel. Von legato keine Spur. Und: Lautstärke ist kein Stilmerkmal.

III.
Eva-Maria Westbroek stand erstmals als Santuzza in Wien auf der Bühne. Auch bei ihr: schrille Höhen, wenig Volumen in der Tiefe; einzig mit der Mittellage konnte man einiger­maßen zufrieden sein — wenn man bereit war, auf gesungene Linien zu verzichten. Was man zu hören bekam, waren allzu deutliche Signale langjähriger stimmlicher Überforderung. Da bewegte einen nichts. Doch was soll uns eine Santuzza, die stimmlich nicht berührt?

IV.
Vielleicht war in dieser Vorstellung »der Wurm drinnen«? Denn auch Zoryana Kushpler blieb als Mama Lucia hinter den Erwartungen zurück. Die Inkongruenz zwischen Schauspiel und stimmlicher Aktion verkleinerten sich seit März 2019 kaum. (März 2019? Es scheint Ewigkeiten her…)

Die Neue im Bunde — und erstmals auf der Bühne der Wiener Staatsoper — war Isabel Signoret in der Partie der Lola. Die junge U.S.-Amerikanerin ist Mitglied des Opernstudios. Signoret präsentierte eine schlank geführte Stimme. Trotz ihrer Jugend teilt sie mit ihren Kolleginnen bereits den mangelhaften Einsatz der unteren Stimmfamilie. Da fehlte es an der stimmlichen Grundierung; daran gälte es mit Nachdruck zu arbeiten. Mir scheint, daß Signoret, bei richtiger stimmtechnischer Entwicklung, doch ein Sopran ist.

V.
Dieser Lola Ehemann: der Lichtblick der Vorstellung: Ambrogio Maestri kehrte uns als Alfio wieder. Als er die ersten Phrasen von »Il cavallo scalpita« intonierte, wußte man: Keiner seiner Kollegen vermag es ihm gleichzutun an diesem Abend. Gewiß, auch Maestri hatte sich schon in stimmlich besserer Verfassung präsentiert, doch: Da konnte jemand auf Linie singen; wußte die Vorteile von Text und Rhythmus für sich zu nützen. Dieser Alfio: das musikalische Zentrum der Aufführung.

VI.
Marco Armiliato am Pult des Staatsopernorchesters wählte langsame Tempi. Das gelang über weite Strecken. Hie und da geriet die Koordination mit dem Staatsopernchor etwas wackelig; vor allem in der ersten großen Chorstelle, wenn mit dem Wechsel von den Damen zu den Herren und zurück auch das vorherrschende Taktmaß sich ändert. Doch das »Regina Coeli« macht in Ponnelles Inszenierung jedes Mal Eindruck, wenn sich die Stimmen von Chor und Solisten kunstvoll mischen. Ebenso das Intermezzo, der große Moment des Orchesters; auch, wenn es diesmal ruhig mehr hätte atmen dürfen.

VII.
Alles in allem jedoch: kein glückliches Zusammentreffen.

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