»Elektra«: Camilla Nylund (Chrysothemis) und Ricarda Merbeth (Elektra) bei ihren Rollen-Debuts an der Wiener Staatsoper in der Wiederaufnahme der Inszenierung von Harry Kupfer © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Elektra«: Camilla Nylund (Chrysothemis) und Ricarda Merbeth (Elektra) bei ihren Rollen-Debuts an der Wiener Staatsoper in der Wiederaufnahme der Inszenierung von Harry Kupfer

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Richard Strauss: » Elektra «

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Ein intensiver Opernabend. (Seit langem wieder.) Packend. Nicht frei von Mängeln. Doch behauptete Vollkommenheit ist immer suspekt; — nicht nur in der Kunst.

II.
Harry Kupfers Inszenierung in Hans Schavernochs Bühne und Reinhard Heinrichs Kostümen wurde zu lang nicht gespielt. Sie beweist auch 33 Jahre nach der Première ihre Qualitäten: eine intelligentes Bühnenbild mit hervorragender Lichtregie (doch bar allem, was Hofmannsthal ersann), phantasievolle Kostüme und eine in jedem Takt sinnstiftende Regiearbeit. Genial, wie alle Mitglieder der Atridenfamilie in den herabhängenden Tauen der halb verfallenen Statue Agamemnons Halt suchen; sich verheddern. Mag Klytämnestra mit ihrem Hofstaat auch über dem herabgefallenen Kopf des im Bade Erschlagenen auftreten: Im Ende ist er jener Felsen, der zu Aegisths Richtblock wird. Kurzum: Die Tragödie findet statt, ohne Versatz in eine andere Zeit oder ein anderes Milieu. Ohne szenische Zweckschlamperei.

III.
Nina Stemme war zum ersten Mal als Elektra in dieser Inszenierung aufgeboten. Sie fühlte sich sichtbar wohler als in der Vorgängerinszenierung, welche — irregeleitetes Musikdirektorenverlangen hin oder her — am besten niemals das Licht der Bühnenwelt erblickt hätte. (Die Freiheit der Kunst besteht auch darin, sich derartigen Begehrlichkeiten zu widersetzen.) Stemmes Qualitäten offenbaren sich vor allem im Spiel: Wie sie das gehetzte Tier darstellt, Chrysothemis gleichzeitig umgarnt und von sich wegstößt; ihre gehaßte Mutter mit fast liebevoller Verschlagenheit vor- und Aegisth, die Memme verführt; wie sie im Rhythmus von Strauss’ Musik auf und ab schreitet, auf den Todesschrei Klytämnestras horchend … — das zeugt von tiefem Rollenverständnis. Vokal sind denn doch einige Abstriche zu machen: Schon bald nach Beginn ist die Unruhe in der Linienführung, in länger zu haltenden Tönen nicht zu überhören. Spitzentöne werden abgesetzt serviert, Stemme setzt zu oft auf Stimmgewalt anstelle differenzierter Tongebung. Ihr Todestanz überzeugt vor allem dank der Orchesterleistung — und Strauss’ genialer Komposition.

IV.
Wie Stemme tritt auch Simone Schneider erstmals als Chrysothemis in Harry Kupfers Inszenierung auf. Wie Stemme überzeugt Schneider in ihrem szenischen Tun mehr als im vokalen. Ersteres bietet reiche Ernte: Jede Geste, jede Bewegung auf der Bühne ergibt Sinn; wirkt natürlich, nicht einstudiert. Leider bleibt diese Chrysothemis über weite Strecken schwer verständlich. Das stellt textsichere Liebhaber des Strauss’schen Œuvres vor geringere Probleme als Werkneulinge: Was unverständlich bleibt, vermögen erstere aus dem Gedächtnis zu ergänzen.

Zu Beginn des Abends gelingen Schneider ein paar schöne Übergänge in die und aus der tiefen Lage. Doch Chrysothemis’ große Szene habe ich schon gesanglich detaillierter und abwechslungsreicher gestaltet gehört. Dazu kommt, daß sich mit Fortdauer des Abends und zunehmender Intensität der Aufführung Schneider des stimmlichen Fundamentes zunehmend verlustig geht. Manche Spitzentöne hören sich scharf an, die Stimme gerät immer wieder aus der Balance.

» Elektra «: Nina Stemme als Elektra in der Szene mit Aegisth © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

» Elektra «: Nina Stemme als Elektra in der Szene mit Aegisth

© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

V.
Violeta Urmana debutierte an diesem Abend als Klytämnestra im Haus am Ring. Auch sie gestaltet ihre Partie szenisch sehr gut. Doch gleich den Stimmen ihrer Kolleginnen gibt jene Urmanas Zeugnis von einer nun schon Jahrzehnte währenden Karriere, von mancher Verletzung der stimmlichen Wohlfühlzone: Hie und da gebricht es der Gesangslinie an Unterfütterung, opfert Urmana die Textverständlichkeit dem Bestreben, vokal zu reüssieren. Da lebt Doris Soffels Interpretation in der Erinnerung auf anderem Niveau fort.

VI.
Thomas Ebenstein zeichnet den Aegisth vor allem mit der Stimme als jene Karikatur, die er Strauss’ Komposition nach ist. (Man vergleiche Agamemnons Thema mit jenem von Aegisth.) Die Partie ist, ebenso wie der kurze Auftritt des jungen Dieners (Robert Bartneck), durchaus beredter Ausdruck von Strauss’ Meinung zu Tenören. Ebenstein bleibt fast immer wortdeutlich, macht seine Sache als Einspringer besser, als man erwarten durfte.

VII.
Auch der Orest wird an diesem Abend von einem Wiener Rollen-Debutant gesungen: Christof Fischesser. Er sticht alle Kollegen in puncto Wortdeutlichkeit aus. Seine Stimme kann problemlos mit den von Alexander Soddy am Pult evozierten Klangmassen mithalten. Leider wird Fischessers gesangliche Darstellung von andauernden Wechseln des Stimmdrucks getrübt: Laute Silben wechseln mit leisen. Immer wieder brechen harte Endkonsonanten den gesanglichen Fluß. Zum alles überstrahlenden Rächer, der von der Erinnyen verfolgt werden wird, fehlt es (noch) an stimmlicher Versammlung, an gesanglicher Raffinesse in der Gestaltung.

VIII.
Alexander Soddy erfreut mit einer vom Staatsopernorchester durchaus packend vorgetragenen Wiedergabe der Partitur. Doch da und dort läßt Soddy jene Details missen, wie sie uns in den letzten Jahren Franz Welser-Möst oder »  die Alten « auf ihren Aufnahmen hinterlassen haben. Dann wird die Lautstärke eindimensional, läuft z.B. die Szene zwischen Klytämnestra und Elektra Gefahr, in moderate Langeweile abzugleiten. Noch tanzt bei Soddy Elektra keinen Walzer auf Aegisths Leichnam … — Auf der Habenseite stehen unzweifelhaft Chrysothemis' erste Szene, eine durchhörbar gestaltete Wiedererkennung der Atridenkinder, die harten Schläge im Orchester beim Auftritt Klytämnestras und das Finale.

IX.
Nehmt nur alles in allem: eine Aufführung, welche ihrer Eindringlichkeit wegen den Besuch lohnt. Das ist, bei heutigem Licht besehen, schon recht viel.

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