»Elektra«: Camilla Nylund (Chrysothemis) und Ricarda Merbeth (Elektra) bei ihren Rollen-Debuts an der Wiener Staatsoper in der Wiederaufnahme der Inszenierung von Harry Kupfer © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Elektra«: Camilla Nylund (Chrysothemis) und Ricarda Merbeth (Elektra) bei ihren Rollen-Debuts an der Wiener Staatsoper in der Wiederaufnahme der Inszenierung von Harry Kupfer

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Richard Strauss: »Elektra«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Die Wiener Staatsoper holt die Inszenierung von Harry Kupfer aus dem Depot. Zurecht, stellt sie uns doch ein archaisches Mykene vor.
Wie lange vermißten wir die geköpfte Statue des Agamemnon, Zentrum und Angelpunkt des Geschehens?

Angela Brandt übernahm nach dem unzeitigen Ableben von Kupfer die szenische Neueinstudierung. Auf einmal machte alles wieder Sinn: das Hinmetzeln der fünften Magd als Opfer für Klytämnestra. Deren wahrhaft herrschaftlicher Auftritt, die zerrüttete Herrschaft. Elektras Verbundenheit mit dem toten Vater. Sie drückt sich nicht nur im Tragen seines Militärmantels aus. Ihre — im Ende — tödliche Verstrickung in seinem Netz, den Tauen, welche die Statue nicht zu stürzen vermochten. Wir werden Zeugen der griechischen Antike in all ihrer Mitleidslosigkeit.

Wiederaufnahme. Kupfers Inszenierung im Bühnenbild von Hans Schavernoch und den Kostümen von Richard Heinrich geht uns in ihrer Kompromißlosigkeit auch 31 Jahre nach ihrer Première nah. Viel näher jedenfalls als all die im Grunde doch nur untauglichen, zu »Events« hochgeschriebenen Versuche, mögen sie sich in Salzburg, Wien oder anderswo begeben haben. Der Unterschied zwischen »modisch« und »modern«: Hier ward er anschaulich.

II.
Wie erfreulich, daß an diesem Abend auch die musikalische Komponente überzeugte. Das Staatsopernorchester zeigte sich in Geberlaune, und Franz Welser-Möst, der »Heimkehrer«, wußte den Vorteil der vorangegangenen Salzburger Aufführungen für sich zu nützen. Was in der Felsenreitschule noch zurückhaltend, analytisch geklungen hatte, steigerte sich nun zum Überschwang. Das »Biest« im Orchestergraben schlief nicht mehr. Binnen Monatsfrist war es erwacht, reckte angriffslustig sein Haupt. Ein großer Bogen spannte sich vom ersten bis zum letzten Akkord. Ein Schwelgen war‘s in den Strauss‘schen Klangfarben, ungeachtet alle dissonanten Akkorde.

»Elektra«: Doris Soffel als Klytämnestra (Kostüme: Reinhard Heinrich) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Elektra«: Doris Soffel als Klytämnestra (Kostüme: Reinhard Heinrich)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

III.
Der Auftritt von Doris Soffel als Klytämnestra: Begleitet von harten Schlägen im Orchester triumphiert sie auf Agamemnons Haupt, umringt von ihrem Hofstaat. Tanja Ariane Baumgartner, erfreulicher Lichtblick der Salzburger Aufführungen, mag als die Jüngere über die intaktere Stimme verfügen. Doch wie Soffel die Herrscherin von Mykene musikalisch zu zeichnen vermag; wie deutlich (dabei nicht überartikulierend), wie gut verständlich sie ihre Stimme durch die Orchestermassen steuert, gibt Zeugnis von großer Erfahrung. Beeindruckend.

IV.
Camilla Nylund war erstmals in Wien Chrysothemis. Nicht zierliches Girlie, sondern die angepaßtere, vorsichtigere, doch verstörte, vor allem aber in ihrer Zuneigung zur kratzbürstigen Elektra unbeirrbare Schwester. Mit den heutzutage üblichen gesanglichen Einschränkungen (was bedauerlich ist), doch, dank Kupfer — und Brandt! — mit einer spielerischen Präsenz, die manches vergessen ließ. War Chrysothemis.

Ähnliches gilt für Ricarda Merbeth, auch sie zum ersten Mal in Wien als Elektra zu erleben. Die dramatischen Stimmen: Wir haben sie zu lange beiseite geschoben zugunsten des »Looks«. Wir müssen sie erst wieder heranziehen, durch richtige Ausbildung und klugen Einsatz. Und werden doch immer über zuwenige verfügen, wie schon vor 80 Jahren auch. Dennoch: Merbeth trachtete, sich den Abend klug einzuteilen, auf die großen Ausbrüche hinsteuernd. Wenn ihre »Orest«-Rufe den musikalischen Höhepunkt des Abends ankündigen, mit diesem Orchester in Spiellaune, so wie gestern: Dann ist die Opernwelt in Ordnung.

»Elektra«: Ricarda Merbeth als Elektra © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Elektra«: Ricarda Merbeth als Elektra

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
Derek Welton, bei seinem Wiener Haus-Debut als Orest aufgeboten, bewies eindrucksvoll, daß seine Salzburger Leistung keine Eintagsfliege war. Welton schien sich wohler zu fühlen als in Salzburg, sein Bariton klang sonor und voll, das Spiel schien effektvoller. Die Partie des Aegisth war einmal mehr Jörg Schneider anvertraut. Kein Heldentenor. Er wird selbst am besten wissen, daß er ein paar Takte benötigte, sich stimmlich dareinzufinden. Doch was er dann hören ließ, klang fundiert und grundiert. (Mögen Mozarts Tenorpartien seine ständigen Begleiter bleiben, wie denn auch Richard Strauss kein Hindernis darin erkennen wollte, daß Sänger beiden Komponisten huldigen.)

VI.
Man wird diesen Abend im Gedächtnis behalten. (Hoffentlich.)

 

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