»Lohengrin«, 2. Akt: Cornelia Beskow bei ihrem Haus-Debut als Elsa von Brabant © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Lohengrin«, 2. Akt: Cornelia Beskow bei ihrem Haus-Debut als Elsa von Brabant

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Richard Wagner: »Lohengrin«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Mit dieser Serie bat das Haus am Ring Valery Gergiev erstmals für Lohengrin ans Pult des Staatsopernorchesters. (Wie man im Vorfeld hören konnte, auf Betreiben des Orchesters.) Eine gute Idee.

Maestro Thielemanns Zugang ist detailverliebter; rationaler. Kempes Herangehen musikantischer. Des jungen Erich Leinsdorfs Zugang von größerem Überschwang geprägt.

In Maestro Gergievs Lesart säuselt das Orchester nicht; es spielt. Ohne zu lärmen. Mit erdigem Klang; kompakt. Dunkler als bei großen Kollegen. Doch gewährte man den Sängern ihr Recht. Ach!, würde es ihnen doch nicht sogleich wieder genommen vom akustisch unvorteilhaften Bühnenbild (Ausstattung: Wolfgang Gussmann)…

Lob ist auch dem Staatsopernchor zu zollen: Das ging fein zusammen, gleichgültig, ob auf oder hinter der Bühne gesungen ward. Auch halb und halb blieb man eins. Und übte bei der Lautstärke noble Zurückhaltung. Die Solisten: Sie wußten es sicher zu danken.

Die orchestrale und chorale Seite des Abends also: vom Besten, was man, die Première eingeschlossen, in Wien in den letzten Jahren zu hören bekam. 

II.
Ain Anger, vor Jahren Grund zur Freude jeder Besetzung, vermochte als Heinrich der Vogler die Grenzen seines stimmlichen Tuns nicht länger zu verbergen: Zu grob, zu angestrengt, zu nasal klang das den ganzen Abend über; verbraucht. Die Tongebung war unstet. Mehr pensionsreifer Bürgermeister denn Herrscher: — auch darstellerisch. (Doch wie sollte dies gelingen in Andreas Homokis von vornherein zum Scheitern verurteilter Idee, das Werk in eine oberbayerische Dorfgesellschaft zu transferieren?)

Nicht besser: Boaz Daniel als Heerrufer. Ihn plagten ähnliche Probleme. (Er unterlag.) Dennoch seien beide Herren für ihre Mitwirkung bedankt.

III.
Die Idee, Linda Watson ein spätes Wiener Rollen-Debut als Ortrud anzudienen: Es war keine gute. Folgt aber der im Institut seit fast einem Jahrzehnt geübten Tradition, Sänger für Partien in anderen als ihre angestammten Stimmlagen zu engagieren. Die Partie der Ortrud scheint mir bei einem Alt am besten aufgehoben, zwecks Herausstellung des klanglichen Unterschieds.

Zu sehr gab Frau Watsons Stimme Zeugnis über die Dauer ihrer Karriere. Da half auch die Rückbesinnung auf stimmtechnische Mittel nicht viel. Länger zu haltende Noten ließen deutlich langsames Vibrato hören; die Höhen abgesetzt und schrill, die Tiefe arm an Volumen. Wenig durchschlagskräftig. Doch was soll uns eine Ortrud, deren »Entweihte Götter!« uns nicht packt?

IV.
Dem ihr angetrauten Friedrich von Telramund des Egils Siliņš erging es ähnlich: markig angesungene, gestemmte Töne anstelle von Operngesang nach der italienischen Manier. — Vergessen wir nicht: Richard Wagner sprach sich nicht gegen die italienische Schule, gegen den bel canto aus. Im Gegenteil, der richtige Gebrauch von legato und portamento stand in seinen Forderungen an erster Stelle. Herr Siliņš hingegen polterte gesanglich durch den Abend. Bayerischer Bazi statt Graf. Dabei dann doch erstaunlich wenig überzeugend, z.B. in seiner großen Szene mit Ortrud.

»Lohengrin«, 1. Akt: Graf Friedrich von Telramund (Egils Siliņš) mit seinem Weib Ortrud (Linda Watson) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Lohengrin«, 1. Akt: Graf Friedrich von Telramund (Egils Siliņš) mit seinem Weib Ortrud (Linda Watson)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
Knapp vier Jahre dauerte es, bis sich Piotr Beczała auch in Wien als Lohengrin vorstellte. Und sich treu blieb. Dieser Schwanenritter war — wie bereits 2016 in Dresden — kein auftrumpfender Held. Bestach stattdessen durch seine Art der Phrasierung, die kluge Einteilung der Kräfte. Kein stimmlich freigiebiger Heldentenor à la Lauritz Melchior; sondern ein lyrischer.

Bereits die ersten Phrasen — »Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!« — führen den Tenor immer wieder durch das passaggio. (Wagner nahm da wenig Rücksicht.) Das ist nicht einfach.

Piotr Beczała singt nach der italienischen Tradition. Der alleinige Einsatz der Kopfstimme blieb damit auf wenige Stellen beschränkt: Wie zum Beispiel in der Gralserzählung bei der piano zu singenden, auf das gehaltene ›e‹ aufsteigenden Phrase »alljährlich naht vom Himmel eine Taube«. (Schreckensgespenst der meisten Tenöre. Melchior sang diese Phrase forte.) Einmal erklommen, mischte der Pole wieder die Bruststimme dazu…

Nicht verschwiegen werden soll, daß Herrn Beczałas Stimme ab dem passaggio zur Verengung des Tones neigte. Die Spitzentöne — Wagner führt den Sänger wiederholt bis zum hohen Tenor-›a‹ — erklangen des öfteren unfrei, gepreßt. Sonst hielt sich Herr Beczała größtenteils an die notierten dynamischen Vorgaben. Dieser Lohengrin war denn auch weniger heldischer Draufgänger denn wissender Abgesandter. Ein intellektueller Gralsritter; doch nicht ohne Reiz.

VI.
Die Überraschung dieser Serie: das Haus- und Rollen-Debut von Cornelia Beskow in der Partie der Elsa von Brabant. Eine der seltenen echten Spinto-Stimmen unsere Tage; doch kein dramatischer Sopran. (Die Beschreibung von Frau Beskows Stimme auf ihrer Website als »lyrisch-dramatischer Sopran« ist natürlich Unsinn.)

Die Stimme der 1986 geborenen Schwedin entwickelt sich organisch aus der unteren Stimmfamilie; durchmißt das passaggio bruchlos. Die tiefen Sopran-›e‹s der Elsa von Brabant, von vielen Kolleginnen gemieden, von nicht wenigen gefürchtet: Für Frau Beskow stellten sie keine Probleme dar, wurden organisch in die Phrasen eingebunden. Auch in der sich darauf aufbauenden Mittellage (etwa bis zum ›e2‹) blieb diese Stimme gegenüber einem engagiert spielenden Wagner-Orchester (Maestro Gergiev!) hörbar. Frau Beskows Instrument gab — endlich! — Zeugnis ab davon, daß die Aktivierung des Brustregisters die Vorbedingung für eine gut tragende Stimme ist.

Ein Spinto-Sopran — in statu nascendi… Denn in der Höhe verliert die Stimme der Schwedin noch ihren Kern: Da wechselt der Sitz des Kehlkopfes, die Töne klingen unfrei; gepreßt. Freilich bei metallischem Klang. (Hörbar blieb sie meistens.) Außerdem stellten sich mit Fortdauer des Abends Ermüdungserscheinungen ein. (Eine Elsa von Brabant ist schließlich von anderem Kaliber als eine Wellgunde.) In der Brautgemach-Szene wäre denn durchaus mehr stimmliche Eindringlichkeit vorstellbar.

Frau Beskow nahm auch durch ihr Spiel für sich ein; befolgte nicht selten Wagners szenische Partitur-Anweisungen. Zeichnete im ersten Akt die den Ritter anhimmelnde, schutzbedürftige Frau. Im zweiten zuerst die vertrauensselige, dann die durch Lohengrins Fragen Verletzte. Und im dritten schließlich die unglücklich Liebende.

Ich wünsche Frau Beskow, daß sie ihrer Stimme die Zeit gibt zu wachsen; zu reifen. Den Verlockungen der Intendanten standhält und sich die organische Erweiterung ihres Instruments in der Höhe langsam, aber stetig erarbeitet. Dann erwüchse uns in ein paar Jahren etwas sehr Schönes.

VII.
Diese Vorstellung: ein Abend, den ich nicht missen möchte.

188 ms