» Tosca «, 1. Akt: Saioa Hernández (Floria Tosca) und Luciano Ganci (Mario Cavaradossi) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

» Tosca «, 1. Akt: Saioa Hernández (Floria Tosca) und Luciano Ganci (Mario Cavaradossi)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Giacomo Puccini: » Tosca «

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Wenn man auf dem Zettel Tosca liest, hat man gar keine Lust hinzugehen. Die Oper enthält kaum mehr Geheimnisse, denkt man. Schließlich hat man alle Großen der letzten Dezennien gehört. Der Abend bietet wenig Überraschungen, denkt man.

Wenn man aber drinsitzt, das Drama sich entwickelt, spürt man, daß Tosca ein Meisterwerk ist; — selbst, wenn der instrumentale Teil so eintönig und schleppend daherkommt wie gestern. Patrick Lange interpretierte Italianità als grobschlächtigen Lärm. Brachte so vor allem Saioa Hernández (nicht nur im ersten Akt) um einen nachhaltigen Erfolg. Das Orchester schien die schlimmste Drohung wahrzumachen, die ihm zur Verfügung steht: zu spielen, was der ans Pult Berufene anzeigt. Da hilft es auch nichts, dem Generalmusikdirektor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden die Leitung der Wiener Philharmoniker in den Lebenslauf zu dichten; — welche sich als die zweimalige Leitung der Zauberflöte für Kinder am 17. Feber 2012 entpuppt …

Zum Drüberstreuen gaben die Hörner Unstetes zuhauf. Das Cello-Solo im dritten Akt gereichte gewiß den Erwartungen an einen studentischen Klassenabend zur Ehre. Einzig die Solo-Klarinette versöhnte mit weich angeblasenen Phrasen. Sonst: Opern-» Dienst « …

II.
Es war der zweite Abend der Saioa Hernández als Floria Tosca an der Wiener Staatsoper. Es war nicht ihr Abend.

Im Irrtum, forcieren zu müssen, begab sich Hernández jener Qualitäten, mit welchen sie vor Wochen als Abigaille erfreut hatte. Mit einem Mal funktionierte die Verbindung der beiden Stimmfamilien nicht mehr so überzeugend; klang die Stimme in manchen Passagen belegt. Unrein. Wechselte die Stimmfarbe innerhalb der Phrasen zu oft. Besser als viele; doch unter meinen Erwartungen. Einzig bei Vissi d’arte blitzte jene gesangliche Meisterschaft auf, die so auf Linie geführte Stimme, auf welche ich für den gesamten Abend gehofft hatte. — Allerdings (und dies scheidet Hernández von anderen zeitgenössischen Interpretinnen): Diese Floria Tosca speist sich aus dem Gesang. Jede Bühnenaktion beruht auf dem Spiel mit der Stimme. Das verleiht der Figur Glaubwürdigkeit.

Floria Tosca … die von Benediktinerinnen erzogene Schafhirtin, von Domenico Cimarosa mit der Erlaubnis des Papstes zur Sängerin ausgebildet. Folgen wir Victorien Sardous La Tosca, finden wir die im Herzen einfaches Bauernmädchen Gebliebene, zum Zeitpunkt der Geschehnisse als eine der führenden Sängerinnen Italiens am Teatro Argentina in Rom engagiert. Das erklärt ihren Besuch in Sant’Andrea Della Valle ebenso wie den Text von Vissi d’arte. Oder, wie Julian Budden festhielt: Tosca is all heart and no brain.

» Tosca «, 2. Akt: Saioa Hernández (Floria Tosca) triumphiert über dem tödlich getroffenen Barone Vitellio Scarpia (Gevorg Hakobyan) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

» Tosca «, 2. Akt: Saioa Hernández (Floria Tosca) triumphiert über dem tödlich getroffenen Barone Vitellio Scarpia (Gevorg Hakobyan)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

III.
Gevorg Hakobyan debutierte in dieser Serie als Barone Vitellio Scarpia im Haus am Ring. Hakobyans Darstellung des römischen Polizeichefs, dessen Schicksal mit der Ergreifung des geflohenen Cesare Angelotti (tadellos: der kurzfristig eingesprungene Clemens Unterreiner) verflochten scheint, siedelt in der Mitte zwischen der sich hinter freundlicher Maske bergenden Gewalt eines Thomas Hampson und jener offen zur Schau getragenen Grausamkeit eines Erwin Schrott. … Hakobyan sang einen machtvollen Scarpia (vor allem im Te Deum). Keinen prachtvollen. Dazu klang mir seine Stimme zu belegt, der Text nicht deutlich genug. (Ein Zeichen. Ein Zeichen …) Mancher Spitzenton ließ die dahinterstehende Anstrengung hören.

IV.
Luciano Ganci: Mario Cavaradossi. Nicht: Mario Cavaradossi: Luciano Ganci … Anfang November war er, als Maurizio, erstmals an der Wiener Staatsoper zu erleben gewesen. Es mag in den vergangenen Jahr(zehnt)en technisch bessere Sänger in dieser Partie gegeben haben. Aber kaum einen mitreißenderen.

Schon lange nicht mehr hatten Recondita armonia, E lucevan le stelle und die Dolci mani so lebendig, so überzeugend geklungen. Ganci gebietet über einen ab dem mezzoforte bis ins hohe Register kräftigen und dabei gesund klingenden Tenor. Tritt nicht an mit zwei Stimmhälften, die es mit jedem Queren des passaggio, spätestens jedoch ab dem hohen ›g‹, notdürftig zu kitten gilt (in der Hoffnung, das Publikum überhöre es).

Dieser Cavaradossi liebt nicht nur seine Floria. Er pflegt auch eine unüberhörbare Schwäche für portamento. Doch wenn Spitzentöne so sicher » kommen «, eine Stimme (bis auf wenige Momente, wo der Stimmdruck nicht zu halten war) so voll klingt; den Zuhörer die im stolzen Bewußtsein des eigenen Könnens vorgetragenen Vittoria-Rufe ebenso wie manche vor Metall strotzende Phrase in der Mittellage an Franco Corelli erinnern: Dann nehme ich dankbar und mit Freuden, Partitur hin oder her. — Stimmprotzerei? Vielleicht. Nein, wahrscheinlich. Aber dazu bedarf es zuerst einmal einer Stimme, mit der man protzen kann. Nicht nur in einer Passage; sondern einen ganzen Abend lang.

V.
Mit Saioa Hernández und Luciano Ganci standen nicht zwei Sänger auf der Bühne; sondern zwei Liebende. Nicht auszudenken, welcher Erfolg dem Abend beschieden gewesen wäre, hätte die Direktion auch noch einen Dirigenten engagiert.

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