Feuilleton

Theater an der Wien:
Zur Spielzeit 2019/2020

Theater an der Wien

Von Thomas Prochazka
Außenansicht des Theaters an der Wien © Theater an der Wien/Peter M. Mayr

Außenansicht des Theaters an der Wien

© Theater an der Wien/Peter M. Mayr

I.
Zwei Tage nach der Wiener Staatsoper lud auch das Theater an der Wien zu seiner Saison-Pressekonferenz. Intendant Roland Geyer setzt seine Reise durch den Tag unter dem Titel »In medias res« fort.

Als Leiter eines Stagione-Hauses scheint Geyer sichtbar eher an der theatralischen denn dem musikalischen Wert der präsentierten Opern interessiert zu sein. Mit Amélie Niermeyer und Nikolaus Habjan waren zwei Regisseure zur Pressekonferenz gebeten worden: Prima la scena, doppo la musica.

II.
Wer fehlt? John Neumeier mit seinem Hamburg Ballett. Dies ist umso bedauerlicher, da Neumeier in den letzten Jahren mit Orphée et Euridice und Anna Karenina mindestens zwei abendfüllende Arbeiten vorgelegt hat, welche sicher auch beim Wiener Ballettpublikum auf breite Resonanz gestoßen wären.

III.
Amélie Niermeyer wird nicht zögern, Antonín Dvořáks Rusalka (19., 21., 23., 26., 28. und 30 September 2019) ihren (sichtbaren) Stempel aufzudrücken. David Afkam ist als musikalischer Partner am Pult des ORF Radio-Symphonieorchester Wien ausersehen. Maria Bengtsson wird Rusalka singen, Ladislav Elgr ist ihr Prinz, Günther Groissböck stellt sich im Theater an der Wien als Wassermann vor. — Die Frage, inwieweit das Angebot einer zweiten Rusalka-Produktion in Wien notwendig bzw. sinnvoll ist, beantwortet sich angesichts sich der jeder Romantik abholden und dem Werk nicht gerecht werdenden Realisierung von Sven-Eric Bechtolf im Haus am Ring von selbst.

IV.
Ab dem 17. Oktober (Folgevorstellungen am 19., 22., 24., 27. und 29. Oktober 2019) stellt man an der Wien Wolfgang Amadeus Mozarts letzte Oper, La clemenza di Tito, zur Diskussion. Als vermeintlich uninteressanter Rückgriff auf die opera seria wird das Werk oft unter seinem Wert geschlagen (so zum Beispiel bei den Salzburger Festspielen 2017). Unter der Leitung von Stefan Gottfried ist der Concentus Musicus Wien berufen, die Opernfeunde vom Gegenteil zu überzeugen. Joseph Kaiser, der bereits an der Staatsoper in Glucks Alceste und im Theater an der Wien als Peter Grimes zu erleben war, singt Tito, Nicole Chevalier debutiert als Vitellia. Mari Eriksmoen, dem Publikum an der Wien seit Nikolaus Harnoncourts Da Ponte-Zyklus ein Begriff, wird die Servilia sein. Dem australischen Counter-Tenor David Hansen — und dies eine interessante Entscheidung — ist der Sesto anvertraut. Vom Arnold Schoenberg Chor unter der Leitung von Erwin Ortner wird nichts weniger als eine Fortsetzung seiner außerordentlichen gesanglichen wie schauspielerischen Leistungen erwartet. Für die szenische Realisierung bittet Roland Geyer erstmals Sam Brown an das Haus.

V.
Bertrand de Billy, wiewohl die Staatsoper seit Jahren meidend, findet dankenswerterweise immer wieder den Weg ins Theater an der Wien. Gemeinsam mit Johannes Erath als für die Szene Zuständigen und Elza van den Heever, Michael Spyres, Sebastien Guéze und Franz-Josef Selig an der Spitze des Sänger-Ensembles will man den Nachweis erbringen, daß auch Gaspare Spontinis 1807 uraufgeführte Oper La Vestale eine szenische Realisierung verdient. In den Vorstellungen am 16., 18., 20., 23., 25. und 27. November 2019 wird de Billy die Wiener Symphoniker und den Arnold Schoenberg Chor leiten.

VI.
Anhand der 1858 uraufgeführten Oper Halka von Stanisław Moniuszko zeigt Geyer, wie man ein interessiertes Publikum an unbekannte Werke heranführen sollte: Indem man keine Mühen scheut, erste Sänger zu engagieren. Diesfalls Piotr Beczała als Jantek und Tomasz Konieczny als Janusz. In den weiteren Partien singen Corinne Winters, Alexey Tikhomirov, Natalia Kawałek und Lukas Jakobski. Łukasz Borowicz wird das ORF Radio-Symphonieorchester Wien und den Arnold Schoenberg Chor leiten, Mariusz Treliński besorgt die szenische Realisierung der Gemeinschaftsproduktion mit dem Teatr Wielki Warschau. Die Aufführungen ab dem 15. Dezember 2019 (auch am 17., 19., 22., 29. und 31. Dezember 2019) könnten sich als schönes Weihnachtsgeschenk für Wiens Opernfreunde entpuppen.

VII.
Im Theater an der Wien begrüßt man das Neue Jahr (18., 21., 23., 25., 28. und 30. Jänner 2020) mit einer Neuproduktion von Richard Strauss’ Salome. Leo Hussain dirigiert das ORF Radio-Symphonieorchester Wien, John Daszak, Michaela Schuster, Marlis Petersen, Johan Reuter und Martin Mitterrutzner wurden für die Hauptpartien engagiert. Nikolaus Habjan sieht sich mit der wohl unlösbaren Aufgabe konfrontiert, Boleslaw Barlogs und Jürgen Roses Arbeit an der Staatsoper etwas Vergleichbares entgegenzusetzen.

Salome wird an der Wienzeile in einer Bearbeitung von Eberhard Kloke erklingen. »Die Orchesterbesetzung ist komprimiert auf die Stärke eines mittleren Orchesters. Die Mischung und Balance zwischen Streichern und Bläsern wurde neu konzipiert. Der üppig-fette, durch wiederholte Parallelschaltung (Verdopplung) von Bläsern und Streichern verursachte Strauss-Klang wird an vielen Stellen aufgebrochen, um das Klangbild zu verschlanken und differenziertere Klangschärfung zu erreichen«, läßt der Dirigent und Komponist interessierte Musikfreunde auf der Website www.musikakzente.de wissen (Stand: 18.03.2019).

Eberhard Kloke verbessert Richard Strauss. (So ist das.)

VIII.
Auch das Theater an der Wien dankt den Einsatz von Subventionen mit Uraufführungen. Zum Beethoven-Jahr 2020 präsentiert Christian Jost Egmont (17., 19., 21., 24. und 26. Februar 2020). Der Komponist läßt uns wissen, daß ihm die »Suche nach dem magischen Moment« zentrales Anliegen sei. Und dieses erreiche er »nur durch ein komplexes, differenziertes Verhältnis von Struktur, Form und Klang«. (So genau wollten wir es gar nicht wissen.)

IX.
Als weitere Neuproduktionen stehen noch Sergej Prokofjews Der feurige Engel (15., 18., 21., 23., 26. und 28. April 2020) mit Constantin Trinks im Graben und Andrea Breth am (Regie-)Pult sowie Vincenzo Bellinis Norma (15., 18., 20. und 22. Mai 2020) am Spielplan. Asmik Grigorian ist mutig genug, in die Fußstapfen von Maria Callas zu treten, Diego Matheuz wird das Wiener KammerOrchester dirigieren, in den weiteren Rollen werden Enea Scala, Stefan Kocan und Theresa Kronthaler (die Eglantine in Webers Euryanthe vom vergangenen Dezember) zu erleben sein.

X.
Wie’s guter Brauch und Tradition im Haus an der Wien, will Roland Geyer das Publikum mit konzertanten Opernaufführungen auch für selten gespielte Werke begeistern. Merope von Riccardo Broschi, Bruder des Castraten Farinelli, (21. Oktober 2019) hört man ebenso selten wie Johann Adolf Hasses Semele (26. November 2019) oder Irene (29. Jänner 2020). Gioachino Rossinis La donna del lago (22. März 2020), Jean-Philippe Rameaus Les Boréades (22. Jänner 2020) oder Wolfgang Amadeus Mozarts La finta giardiniera (19. November 2019), immerhin mit William Christie und seinen Les Arts Florissants, begegnet man schon eher. Das Interesse an Jean-Baptiste Lullys Isis (22. Feber 2020) speist sich wohl zum einen aus der musikalischen Realisierung durch Christophe Rousset mit seinen Les Talens lyriques und zum anderen aus der Tatsache, daß das Libretto Philippe Quinaults eine unmissverständliche Anspielung auf die aktuelle Konkurrenz der Madam de Montespan und der Madame de Ludres, zweier Mätressen Ludwigs XIV, enthält. Der König war nicht erfreut…

Den Abschluß des Bouquets der konzertanten Opernabende bildet Georg Friedrich Händels Rodelinda (20. April 2020). Harry Bicket wird The English Concert leiten, Lucy Crowe, Iestyn Davies, Joshua Elicott, Brandon Cedel, Jess Dandy und Anthony Roth Constanzo sind für den vokalen Part zuständig.

XI.
Für den März 2020 kündigte Roland Geyer ja bereits vor einiger Zeit eine Aufführungsserie von Ludwig van Beethovens Fidelio in der ersten (zweiten) Fassung von 1806 an. Warum? Weil Fidelio im Theater an der Wien uraufgeführt wurde. (So einfach ist das.)

Der Wiener raunzt halt gar so gern... Aber daß die Wiener Opernhäuser im Frühjahr 2020 innerhalb weniger Wochen alle drei Fassungen von Leonore/Fidelio szenisch zur Diskussion stellen: Das ist weltweit wohl einzigartig.

Die szenische und die musikalische Leitung der Aufführungen im Theater an der Wien: ein coup de théâtre von Roland Geyer. Manfred Honeck wird zum ersten Mal in Wien Oper dirigieren. Wer seine Interpretation von Die Fledermaus zum Jahreswechsel in Hamburg hört, fragt sich nicht zuletzt angesichts der schwachen Konkurrenz in Dresden und Wien gewiß: »Warum erst jetzt?« (Die Ouverture! Das Brio!) Zur Besetzung: Nicole Chevalier ist als Leonore angesetzt, Joseph Kaiser wagt sich nach dem Tito an den Florestan, der Arnold Schoenberg Chor stellt Gefängniswächter, Gefangene und Landleute, und die Wiener Symphoniker werden aufspielen.

Der zweifache Oscar-Besitzer Christoph Waltz verantwortet die szenische Realisierung. Das wird besonders Uwe Eric Laufenberg ärgern, denn Waltz’ Arbeit wird, obwohl doch nicht vom Fach, gewiß Staatstheater-Niveau erreichen. Und besser wird es, wie uns die Erfahrung lehrt, bei regieführenden Intendanten ja auch nicht immer…

XII.
An der Wien wartet man 20190/2020 mit einem attraktiven Programm auf. Jetzt müßte die Qualität der Aufführungen nur mehr halten, was die Ankündigungen versprechen. Doch da kommen, sieht man sich die Besetzungen näher an, Zweifel auf. (Denn internationale Namen sind nicht alles.)

204 ms